Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2006, Rubrik Kommentar

Aktuelle Jugendforschung – aktuelle Jugendpolitik?

Mit dieser punktum-Ausgabe stellen wir vier Forschungsarbeiten zur Jugendverbandsarbeit vor. Sie geben Aufschluss darüber, warum und wie sich Jugendliche in Verbänden engagieren. Sie werfen also einen Blick auf die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen.
Dies ist ein großer Fundus für Jugendpolitik – doch reicht er alleine nicht aus. Ein wichtiger und hamburgspezifischer anderer Blick für die Gestaltung und Reichweite aktueller Jugendpolitik fehlt bis heute: der Kinder- und Jugendbericht!

Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist jedoch getan. Denn Kinder und Jugendliche sind ebenso von allen anderen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen betroffen. Aktuelle Studien* zeigen, dass sich die Armut von Kinder und Jugendlichen in Hamburg immer weiter verschärft. Zudem orientiert sich zeitgemäße Forschung an Lebenslagen und nimmt so auch Reichtum mit in den Blick – was auch für die Armutsberichtserstattung eine notwendige Erweiterung darstellt. Daher ist es begrüßenswert, dass sich der Senat nun dazu durchgerungen hat, wenigstens einen Armutsbericht zu erstellen, nachdem dies durch die CDU-Fraktion seit 2004 fünf mal (!) – zuletzt im Januar diesen Jahres – abgelehnt wurde. Wie nun dieser sinnvolle Sinneswandel zustande kam bleibt allerdings unklar. Über die Lebenslagen armer Kinder und Jugendliche besteht also seitens der Behörde derzeit kein aktuelles Wissen. Somit fehlt eine wichtige Voraussetzung für eine fundierte Kinder- und Jugendpolitik!

Trotz dieses fehlenden Wissens – und hier liegt die Verbindung zum fehlenden Kinder- und Jugendbericht – sind zumindest die Unterstützungen armer Kinder für die Teilnahme an Erholungsfreizeiten der Jugendverbände in Hamburg nicht Umschichtungen zugunsten anderer Politikbereiche zum Opfer gefallen. In diesem Bereich wurde die Lebensqualität von gerade ärmeren Kindern und Jugendlichen zumindest nicht weiter eingeschränkt. Doch wissen wir aus der täglichen Jugendverbandsarbeit, dass die Mittel meistens dennoch nicht ausreichen, und Verbände die Auswirkungen der Kürzungs- und Umstrukturierungspolitik in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen deutlich zu spüren bekommen. Einen Kinder- und Jugendbericht wird es vermutlich 2007 geben, obwohl auch hier die CDU-Fraktion einen entsprechenden Antrag im Februar dieses Jahres ablehnte.

Das Zustandekommen der Beschlüsse sowohl für den Kinder- und Jugend-, wie auch für den Armutsbericht – die wir sehr begrüßen –, bleibt undurchsichtig. Eine transparente Politik ist jedoch im Interesse der Kinder und Jugendlichen dieser Stadt nötig. So muss für beide Berichte gelten, dass diese hinreichend nicht alleine von administrativer Seite aus erstellt werden können. Jugendverbände und andere freie Träger arbeiten tagtäglich mit armen Kindern und Jugendlichen, ohne sie alleinig als »arm« wahrzunehmen. Denn das Leben von Kindern und Jugendlichen ist vielseitig! Eine Stigmatisierung oder Orientierung an Defiziten, sowie eine Reduzierung von Jugendpolitik auf Präventionsarbeit lehnen wir auch deshalb ab. Sinnvolle und fachlich fundierte Jugendpolitik nimmt die tatsächliche Lebens-
bedingungen von Kindern und Jugendlichen wahr, ihre Bedürfnisse, Interessen und Wünsche ernst.

Jugendverbandsarbeit kann in diesem Zusammenhang auf eine lange erprobte und erfolgreiche Arbeit verweisen und ist deshalb nicht nur bei der Ausgestaltung von Jugendpolitik, sondern auch bei ihrer wissenschaftlichen Begleitung und Begründung eine unverzichtbare Größe in dieser Stadt!

Rike Rosa Bracker, LJR-Vorsitzende | rosa.bracker@ljr-hh.de