Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2026, Rubrik Titelthema

Kein Dach überm Kopf

Protestcamp des Pfadfinder*innenbunds Nord vor der Schulbehörde

Von Marek Neu, Hamburg

Seit Monaten kämpfen die Pfadi-Stämme Saliskiaron und Depheiro für neue, langfristig als Heim nutzbare Räumlichkeiten (s. punktum 3+4/25) – bislang ohne Erfolg. Um deutlich auf ihre Not aufmerksam zu machen, veranstalteten sie am Pfingstwochenende ein Protestcamp vor der für ihre Anliegen zuständigen Schulbehörde mit abschließender Kundgebung. Die Botschaft der Pfadfinder*innen: Die Stadt sei in der Pflicht niedrigschwellige, ehrenamtliche Jugendarbeit durch die Bereitstellung passender Räumlichkeiten zu gewährleisten.

Ein Verband wächst – und stößt auf Hürden. Seit 2014 hatte der Pfadfinder*innenbund Nord (PBN) einen Zuwachs von 400 Mitgliedern, aktuell beträgt die Zahl aller Hamburger Mitglieder über 1200. Dies stellt den Verband vor die Herausforderung, jede*n Pfadi sowie ihren / seinen Stamm in einem Heim unterzubringen. »Die Raumnot des PBN«, meint Vici, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Pfadfinder*innenverbände (AHP), »bedeutet kein Scheitern unserer Jugendarbeit, sondern ist der Beweis für die stetig zunehmende Relevanz der Pfadfinder*innen. Um dem gerecht zu werden, fehlt es nur an notwendiger Infrastruktur«. Denn der Stamm Saliskiaron musste im Oktober vergangenen Jahres aus seinem letzten Heim am Lokstedter Siemersplatz ausziehen – und konnte seitdem keinen passenden Ersatz finden. »Wir ziehen von einer unpassenden Zwischenlösung zur nächsten. Langfristig kann sich unser Stamm so nicht am Leben erhalten«, beklagt Iska »Kirjava« Treibel, Stammesleitung von Saliskiaron. Und auch der Stamm Depheiro sucht nach einem neuen Heim: Derzeit muss er sich das Heim Tieloh an der Habichtstraße in Barmbek mit den Stämmen Elysios und Thyreatis teilen. Zusammengenommen betreiben die drei Stämme 37 verschiedene Gruppen, die sich alle regelmäßig und manchmal sogar mehrmals wöchentlich treffen – das Tieloh hat aber nur Kapazität für 25. Um sich nicht allzu sehr in die Quere zu kommen, haben die Gruppen ein Rotationssystem für den Gebrauch der Zimmer im Haus eingeführt, der auch die Nutzung des Außenbereiches und des Flurs einschließt. »Ich bin auf dem Nutzungsplan schon einmal in der Zeile verrutscht«, berichtet Luisa »Kiranó« Bremer, Depheiro-Stammesleitung und erste PBN-Vorsitzende. »Das führte dazu, dass ich meine für draußen geplante Gruppenaktivität nicht durchführen konnte. Deshalb haben wir kurz nach Saliskiaron auch begonnen, nach einem neuen Heim in Wandsbek zu suchen«.  

Unverständnis. Dabei gibt es eine Immobilie, die sich laut Saliskiaron perfekt als ihr neues Heim eignen würde: Das Kutscherhaus im Lokstedter Amsinckpark steht seit 2017 leer und auf öffentlichem Grund – so wie jedes andere PBN-Heim auch. Der Staat könnte somit seiner nach dem Sozialgesetzbuch (SGB §8) selbst auferlegten (auch Sachleistungen und Infrastruktur umfassenden) Pflicht zur Förderung von Jugendverbänden nachkommen, und das Kutscherhaus dem Stamm Saliskiaron als neues Zuhause zur Verfügung stellen. Stattdessen hält das zuständige Bezirksamt Eimsbüttel an der Absicht fest, es abreißen zu wollen. Eine Übergabe und Instandsetzung sei zu teuer. Die PBN-Heimsuche steckt derzeit in einem seltsamen Behörden-Ping-Pong fest. Laut einem Bericht des »Hamburg Journal« erklärt die Schulbehörde: »Es ist geplant, dass der Stamm auf Grünflächen ein neues Zuhause finden soll.« Zudem soll die Finanzierung eines Holzblockhauses in Aussicht gestellt worden sein. Das für Grünflächen in Eimsbüttel zuständige Bezirksamt teilte jedoch auf Anfrage mit, dass es »kein geeignetes öffentliches Grundstück« besitze und »ohnehin kaum über freie Flächen« verfüge. »Von Seiten der Stadt fehlt uns ein wenig die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung unserer Lage«, findet Kiranó. Sechzehn Mal waren die Vertretenden der Pfadis nun schon in verschiedensten Ausschüssen, doch scheinbar konnte dort noch niemand das Ausmaß deren Not sehen, sodass der unmittelbare Handlungsbedarf nach wie vor nicht in die Tat umgesetzt wurde.

Keine normale Gruppenfahrt. In der Hoffnung auf Gehör zu stoßen, legt der PBN das Ziel seiner diesjährigen Gruppenfahrt zum Pfingstwochenende auf einen unüblichen Ort: Anstatt in der Natur wandern zu gehen, schlagen die Stämme Depheiro und Saliskiaron mit solidarischer Unterstützung anderer Stämme ein Protestcamp im Elserpark gegenüber der Schulbehörde auf. Hierbei geht es nicht nur darum, auf die eigene akute Situation aufmerksam zu machen. »Mir machen die AGs Spaß«, findet Nailu (12) aus Depheiro, und Tjaros (14) aus Saliskiaron genießt es, »endlich die ganzen Leute wiederzusehen«. Schließlich sind die Pfadis bei ihren regulären Treffen derzeit auf verschiedene andere Heime oder private Räume aufgeteilt, und können sich deshalb nicht regelmäßig sehen. Gemeinsam werden Transparente gebastelt, Briefe geschrieben, Kekshäuser gebaut sowie am Lagerfeuer gesungen und in Jurten übernachtet. Auch den jungen Pfadfinder*innen ist das Gewicht ihrer politischen Forderung durchaus bewusst. »Ich bemerke, wie sehr ich durch den Protest lerne, Verantwortung zu übernehmen«, sagt Moana (12) aus dem Depheiro-Stamm. »Erwachsene sagen immer, Kinder sollen weg vom Handy und raus in die Natur. Sobald wir dort sind, wollen sie uns aber nicht weiter unterstützen«. Dies wird von Vici aus der AHP untermauert: »Bei den Pfadfinder*innen lernen Jugendliche Demokratie nicht aus Büchern sondern durch praktische Erfahrung.« Es liege doch im Interesse der Stadt, dass Jugendliche durch ehrenamtliches Engagement sich zu demokratischen Bürger*innen heranbilden. Aber es fehle die Bereitschaft, dies auch hinreichend zu fördern.

Den Höhepunkt des Protestcamps bildet die Kundgebung am Pfingstsonntag. Mindestens 500 Teilnehmende waren hierzu erwartet, darunter viele Eltern und einige Bezirkspolitiker*innen. Die einzelnen Redebeiträge werden von Pfadi-typischen Liedern abgewechselt. Zwischendurch führen drei junge Pfadfinder*innen eine kurze Spielszene auf, die als »Wahres Gespräch« angekündigt wird. »Müssen wir denn immer Gruppenabend vorm Bezirksamt machen?«, beklagt darin ein Kind. Es bleibt zu hoffen, dass dem nicht so sein wird.