Von Benjamin Festersen, Arbeitsgemeinschaft Hamburger Pfadfinder*innenverbände, und Jürgen Garbers, Landesjugendring Hamburg
Pfadfinder*innen sind sehr speziell. Sie wandern, sind viel »auf Fahrt«. Sind unterwegs, sobald das Wetter und freie Zeiten jenseits von Schule, Uni und Arbeit es zulassen. Unterhalb der Woche zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Stämme und Sippen, so heißen die Untergliederungen im Pfadi-Jargon, treffen sich regelmäßig in ihren Heimen. Jede Gruppe trifft sich wöchentlich zum Basteln, Singen, Planen, Kochen oder nur zum Zusammensein. Dafür benötigen sie Räume. Die Arbeitsgemeinschaft Hamburger Pfadfinder*innenverbände (AHP) hat 2025 in einer Gesamtstudie ermittelt, wie die Lage der Pfadi-Heime ist. punktum stellt die wesentlichen Ergebnisse vor.
Die Ausgangslage: 66 Standorte in Hamburg
Auf der Website der AHP (https://www.a-h-p.de/wo-sind-in-hamburg-pfadfinder) findet sich eine interaktive Karte, in der alle Heime der Pfadfinder*innenverbände in Hamburg und Umgebung verzeichnet sind. Interaktiv bedeutet: Per Klick auf den Standort-Marker werden Name des Pfadfinder*innenverbandes und Anschrift des Heimes angezeigt. Sofern es vor Ort geschlechtlich getrennte Gruppen gibt, weisen Symbole auf Jungs- oder Mädchen-Gruppen hin. Ohne Hinweis sind es koedukative Gruppen.

Die insgesamt 66 Heime in Hamburg betreiben folgende elf Mitgliedsverbände der AHP: Bund Christlicher Gemeinde-Pfadfinder*innen, Bund der Pfadfinder*innen (Landesverband Schleswig-Holstein und Hamburg), Christliche Pfadfinderinnen und Pfadfinder der Adventjugend, Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (Ortsring Hamburg), Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg, Deutscher Pfadfinderbund Hamburg, Pfadfinder*innenbund Nordlicht, Pfadfinder*innenbund Nord, Pfadfinderschaft der Freien evangelischen Gemeinden, Royal Rangers Hamburg und Verband Christlicher Pfadfinder*innen in Hamburg.
Für den Großraum Hamburg verzeichnet die Karte weitere 35 Heime. Unter https://heime.a-h-p.de gibt es zudem ein Verzeichnis von 45 Unterkünften im Bereich Norddeutschlands. Insgesamt bietet die AHP-Website einen hervorragenden Anlaufpunkt zur Information über die sehr unterschiedliche Gestaltung der Pfadfinderei in Hamburg. Es gibt interkonfessionelle und konfessionelle Verbände sowie Bünde mit Erwachsenenstruktur oder komplett von Jugendlichen organisierten Gruppen.



Besitzverhältnisse der 66 Standorte und deren Kosten
Die Zahlen verdeutlichen einen elementaren Punkt: Dank der Bereitschaft der Kirchen, konfessionellen Pfadfinder*innengruppen Räume zu überlassen, sind 48 ihrer insgesamt 66 Hamburger Standorte kostenfrei, lediglich 18 Gruppen zahlen Miete oder Pacht für ihre Heime. Dies sind die konfessionslosen Pfadfinder*innenverbände. Allein sie erhalten dafür Mittel aus dem städtischen Landesförderplan. Da Räume die Voraussetzung für Jugendverbandsarbeit bilden, ist der Umstand, dass rund dreiviertel der Heime resp. Räume (72,7%) durch Kirchen kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, einerseits sehr erfreulich. Pfadfinderei wird ermöglicht durch die Zivilgesellschaft, ohne dass staatliche Gelder fließen. Andererseits bildet die Abhängigkeit vom Wohlwollen der Kirchen die Achillesferse für die Zukunft dieser Raumkontingente. Denn in beiden großen Kirchen ergeben sich Sparzwänge durch sinkende Erträge über die Kirchensteuer: Gemeinden werden zusammengelegt, Gemeinderäume teilweise an Dritte untervermietet oder Standorte sind in ihrem Erhalt bedroht. Dieses Szenario schrumpfender Raumkapazitäten hat schon jetzt negative Auswirkungen für Pfadfinderbände, wie es das Beispiel der DPSG (siehe Beitrag auf S. 9) zeigt. Zusammenfassend ist festzuhalten: die Kirchen in Hamburg sind aktuell der größte Förderer der Pfadfinderei in Bezug auf die Überlassung von Räumen. Damit hängt deren Zukunft weitgehend von der Entwicklung der kirchlichen Institutionen ab.


Selbsteinschätzung zum Zustand der Heime und deren Perspektiven
Die Zahlen in diesen Statistiken bilden die subjektive Selbsteinschätzung der Pfadfinder*innen in ihren Heimen ab. Ihre Toleranz gegenüber baulichen Mängeln ist sehr groß, Hauptsache: es gibt ein Heim und genügend Räume. Zu berücksichtigen ist zudem: Die große Zahl an Heimen liegt in kirchlichen Einrichtungen, deren Zustand in der Regel eher gut ist. Die geringere Zahl an Heimen in eigener Hand oder zur Miete wird dagegen kritischer bewertet. Hier gibt es größere Baumängel, in Teilen ist die Perspektive ungewiss. Besorgniserregend ist jedenfalls, dass insgesamt der Zustand der Heime mit knapp 20% als schlecht oder ausrechend bewertet wird und insbesondere deren Perspektive mit knapp 26% als ungewiss oder schlecht bewertet wird.
Resümee
66 Pfadfinder*innenheime gibt es in Hamburg. Das ist eine beeindruckende Zahl – und verdeutlicht, dass auch in einer Großstadt Pfadfinderei ein wichtiges Bedürfnis junger Menschen anspricht. Diese gute Gesamtlage gilt es zu erhalten und perspektivisch abzusichern. Die AHP-Studie zeigt die Probleme auf: Der Großteil der Heime befindet sich in kirchlichen Einrichtungen und deren Bestand und Perspektive ist an den Goodwill der jeweiligen Gemeinden (sowie deren Probleme) gekoppelt. Fallen hier kostenfrei zur Verfügung gestellte Nutzungsmöglichkeiten weg, haben Pfadfinder*innengruppen nicht nur ein Raumproblem, sondern sind in ihrer Existenz bedroht, da ein ebenso kostenfreier Ersatz in Hamburg nicht zu finden wäre. Und Räume alternativ anzumieten, überstiege den Finanzrahmen der Pfadfinder*innenverbände. Sie würden dann berechtigte Forderungen an eine staatliche Förderung stellen. Doch schon jetzt, wie aktuell der Protest von elf »obdachlosen« Gruppen des Pfadfinder*innenbundes Nord (s. S. 7) zeigt, tut sich die Stadt schwer damit, mit dem begrenzten Etat des Landesförderplans »Jugend und Familie« Lösungen zu finden. Hinzu kommen bauliche Mängel bei vielen Pfadi-Heimen, deren Sanierungskosten den staatlichen Fördertopf »Kleine Investitionen« vielfach übersteigen. Obwohl das Landesjugendamt als Ansprechpartner der Jugendverbände in den letzten Jahren gerade auch für Pfadfinder*innenverbände vieles an Sanierungen und Ausbau ermöglicht, bleibt damit ein strukturelles, finanzielles Problem. Um die Vielfalt und den Bestand der weitestgehend ehrenamtlich organisierten Jugendarbeit durch Pfadfinder*innenverbände aktuell und zukünftig abzusichern, braucht es in Hamburg eine politische Lösung, sprich: mehr finanzielle Mittel, um die prekärer werdende Raumsituation zu bessern.
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Jugendverbände brauchen eigene Räume
Für viele Pfadfinder*innen sind Heime weit mehr als nur Treffpunkte – sie sind Rückzugsorte, Werkstätten, Wohnzimmer und Lernorte zugleich. Die AHP- Studie zu Räumen und Heimen von Pfadfinder*innen zeigt deutlich: Entscheidend ist dabei vor allem die Gestaltungsfreiheit.
Eigene Heime ermöglichen Jugendlichen, Räume selbst zu prägen. Sie können Bilder aufhängen, Dinge umstellen, Material liegen lassen oder Projekte über Wochen weiterentwickeln. Dadurch entsteht Identifikation: Der Raum gehört »uns«.
Diese Möglichkeit fehlt oft in geteilten oder funktional genutzten Räumen wie Klassenräumen, Gemeindesälen oder kommerziellen Angeboten. Dort gelten andere Regeln, andere Erwartungen und oft auch zeitliche Begrenzungen.
Für Jugendgruppen ist außerdem die selbstbestimmte Nutzung zentral. Jugendliche können spontan ins Heim kommen, sich treffen, planen oder einfach Zeit miteinander verbringen – unabhängig von Öffnungszeiten oder institutioneller Kontrolle. Gerade Pfadfinder*innen erleben ihre Heime dadurch als geschützte Orte, die frei von Schule, Leistungsdruck oder ständiger Aufsicht sind. Viele beschreiben das Heim deshalb als eine Art »zweites Zuhause«.
Hinzu kommt die Geschichte dieser Orte. Oft werden Heime über Jahre oder Jahrzehnte von den Gruppen selbst verwaltet und gepflegt. Jugendliche übernehmen Verantwortung, organisieren Renovierungen, halten Ordnung und gestalten den Raum gemeinsam. Das stärkt Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und demokratisches Lernen ganz praktisch im Alltag.
Besonders wichtig ist dabei auch die Möglichkeit, sich frei zu entfalten – laut zu sein, kreativ zu werden, Dinge auszuprobieren oder auch einfach einmal nichts leisten zu müssen. Die Räume müssen dafür die notwen≠dige Sicherheit und Verlässlichkeit bieten.
Jugendverbände brauchen deshalb keine beliebigen Räume, sondern eigene Orte. Orte, die Jugendlichen gehören, die sie selbst gestalten und mit Bedeutung füllen können. Denn gute Jugendarbeit braucht nicht nur Engagement – sie braucht auch ein Zuhause.
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Eigene versus gemeinschaftlich genutzte Räume
Eigene, exklusiv genutzte Räume sind für Jugendverbände besonders wichtig, weil sie Jugendlichen ermöglichen, sich mit einem Ort wirklich zu identifizieren. Pfadfinder*innenheime werden selbst gestaltet, genutzt und verantwortet – dadurch entstehen Verbundenheit, Gemeinschaft und ein Gefühl von Zuhause. In gemeinschaftlich genutzten Räumen wie Schulklassen oder Gemeindesälen ist das oft nicht möglich: Räume müssen neutral bleiben, können nicht dauerhaft gestaltet werden und sind häufig mit anderen Regeln oder Erwartungen verbunden. Eigene Heime schaffen dagegen Freiräume, in denen Jugendliche selbstbestimmt handeln, kreativ werden und ihren Verband langfristig sichtbar und erlebbar machen können.
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Der Autor der Studie: Fabian Benthack
Im Jahr 2025 wurde das Heimprojekt der AHP durch eine eigene Projektstelle begleitet, die von Fabian Benthack (ehemaliges Vorstandsmitglied der AHP und Pfadfinder bei der CGP) übernommen wurde. Im Rahmen des Projekts besuchte er zahlreiche Pfadfinder*innenheime in und um Hamburg, führte Gespräche mit den Stämmen und erfasste die aktuelle Situation der Räume und Standorte. Dabei entstanden wichtige Erkenntnisse zu Zustand, Nutzung und Zukunftsperspektiven der Heime. Außerdem baute er ein digitales Heimverzeichnis auf (https://heime.a-h-p.de), das die Suche nach geeigneten Häusern für Fahrten und Veranstaltungen erleichtert, und informierte die Stämme über Beratungs- und Fördermöglichkeiten rund um ihre Räume.