Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 1-2018, Rubrik Titelthema

»Das Performer-Ich wird nach außen zur Schau gestellt.«

Interview mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anette Baumeister-Duru über psychische Leiden junger Menschen

punktum: Das Thema Depression findet medial zunehmende Beachtung. Das Spiegel-Magazin titelte jüngst mit Headline: »Die unterschätzte Volkskrankheit«. Stimmt das? Der Arzt-Report der Barmer Krankenversicherung, im März 2018 erschienen, meldete zudem ein Anwachsen psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen: In den letzten zehn Jahren haben depressive Erkrankungen bei jungen Menschen um 76 % und psychische Leiden um 38 % zugenommen. Jeder sechste Student habe demnach psychische Leiden. Können Sie als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin diese starke Zunahme aus Sicht ihrer Praxiserfahrung bestätigen?

Anette Baumeister-Duru: Solche Zahlen betrachte ich immer mit einer gewissen Skepsis. Ich denke, dass die Schwelle, sich in eine Behandlung zu begeben, in den letzten Jahren deutlich niedriger geworden ist. Das ist erst einmal ein gutes Zeichen.

punktum: Weil psychische Leiden heute früher erkannt werden?

Baumeister-Duru: Die Zugangsschwelle, zu einem Therapeuten oder einem Psychoanalytiker zu gehen, ist zunächst deutlich geringer geworden. Das spiegelt sich in der öffentlichen Wahrnehmung. Früher war es noch mit großen Befürchtungen und Scham behaftet, wenn man zu einem »Psycho« ging. Das hat sich glücklicherweise geändert. Psychische Leiden sind ernsthafte Erkrankungen der Seele, die genau wie körperliche Leiden einer fachgerechten Behandlung bedürfen. Zudem hat sich hinsichtlich des Erkennens psychischer Leiden auch hinter körperlichen Symptomen, d.h. in der Diagnostik psychischer Erkrankungen und in der Indikationsstellung für psychotherapeutische Behandlungen, einiges getan – auch durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und weiterführenden Ärzten wie Psychotherapeuten.

punktum: Wenn Hausärzte bei der Behandlung körperlicher Leiden nicht weiter kommen, raten sie dann heute eher zu einer psychotherapeutischen Bearbeitung der Ursachen?

Baumeister-Duru: Richtig. Da hat in der Tat ein Umdenken eingesetzt. Es zeigt sich, dass Ärzte Kindern und Jugendlichen raten, zu einem Therapeuten zu gehen, wenn sie beispielsweise bei chronischen Bauch- oder Kopfschmerzen keine körperlichen Ursachen diagnostizieren können. Das hat früher länger gedauert.
Insofern ist es spekulativ, ob es eine steigende Anzahl psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen, wie es die Barmer-Statistik nahelegt, tatsächlich gibt – oder ob nur mehr Fälle behandelt werden, die früher unerkannt blieben. Es gibt auch aktuelle Studien, die von einem gleichbleibenden Niveau psychischer Erkrankungen in der Bundesrepublik sprechen. Was ich in meiner Praxis jedoch beobachte, ist, dass sich ganz regelmäßig Schüler in der Oberstufe, die vor der Abiturprüfung stehen, mit einer depressiven oder Angst-Symptomatik bei mir als Patienten anmelden. Ebenso betrifft dies junge Menschen, die vor dem Übergang in eine berufliche Ausbildung stehen.

punktum: Woran liegt das? Ist der schulische Leistungsdruck zu hoch geworden?

Baumeister-Duru: Der Leistungsdruck, der sich z.B. im Vorfeld einer Abiturprüfung einstellt, ist bei diesen jungen Menschen zunächst einmal ein krisenverschärfender Umstand. Doch dieser ist nicht die unmittelbare Ursache einer psychischen Erkrankung. Dahinter liegt viel mehr. Oft ist es nicht so, dass diese Jugendlichen in der Schule bereits versagen. Zum Teil verschlechtern sich die schulischen Leistungen dieser Jugendlichen aufgrund der Symptomatik, aber vielfach beschreiben sie selbst ein Gefühl der völligen Überforderung und die Angst vor Versagen, dem im Schulalltag objektiv noch wenig entspricht.

punktum: Mit welchen Symptomen kommen diese Schüler zu Ihnen?

Baumeister-Duru: Wenn eine depressive Erkrankung vorliegt, dann sind Symptome wie ausgeprägte Selbstzweifel, Niedergeschlagenheit, Rückzug, Schlafstörungen und zudem unterschiedliche somatische Beschwerden – wie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen – typisch. Zudem äußern diese jungen Menschen vielerlei Ängste, haben Tag-Nacht-Rhythmusstörungen, können morgens nicht aufstehen und beschreiben Gefühle wie »Ich kann alle Erwartungen nicht erfüllen« oder »Ich krieg das alles gar nicht hin und bin nichts wert« oder »Niemand versteht mich«. Sie beschreiben also ein Gefühl des vollständiges Überfordert-seins. Das alles führt dazu, dass diese betroffenen Jugendlichen sich mit ihren starken Selbstwertzweifeln immer mehr zurückziehen und immer tiefer in eine Depression hineinrutschen können.

punktum: Gleichwohl sagen Sie, dass der äußerliche, schulische Druck nicht allein die Ursache für eine depressive Erkrankung bildet. Was liegt dahinter?

Baumeister-Duru: Viele dieser jungen Menschen, die mir als Patienten mit psychischen Leiden begegnen, haben erhebliche Probleme an der Schwelle zwischen Schule und dem Erwachsenwerden, die einen weiteren Reifungsschritt der Individuation erfordert. Sie haben tiefliegende Ängste vor der Herauslösung aus festen Strukturen und vor der Verselbständigung hin zu einem selbstverantworteten Leben. Die Angst vor der Prüfung liegt an der Oberfläche, aber meistens steckt dahinter die Angst vor dem, was danach kommt. Dann tauchen auf einmal die ganz grundsätzlichen Fragen auf: »Was möchte ich, was kann ich eigentlich? Wer bin ich? Was passt zu mir? Kann ich mein Leben alleine bewerkstelligen?« Die großen Fragen der beruflichen Orientierung liegen wie Blei auf der Seele. Dahinter steckt oft auch eine noch nicht gelungene Ablösung vom Elternhaus. Sie zeigt sich an Zweifeln und Fragen wie z.B.: »Kann ich die Erwartungen erfüllen, die meine Eltern an mich stellen? Kann ich die Ziele erfüllen, die ich mir selbst stelle?«
Diese Selbstzweifel und existenziellen Fragen bündeln sich dann zu einem Konglomerat, das sich bedrohlich für den Einzelnen ausnimmt. Das führt dazu, dass viele an dieser Entwicklungsschwelle zögern, sich zurückziehen, sich völlig überfordert oder überwältigt fühlen. Also kann man sagen, die depressive Symptomatik dieser jungen Patienten rührt nur vordergründig von der schulischen Herausforderung her. Sie deutet vielmehr auf eine Ich-Schwäche, auf noch nicht gelungene Reifungsprozesse hin. Solche führen zu einer psychischen Überforderung angesichts des Übergangs in eine unüberschaubar komplexe, von massivem Wettbewerb gekennzeichnete, global ausgerichtete und unsichere berufliche Erwachsenen-Welt.

punktum: Sind es Versagensängste an dieser Schwelle zum Erwachsenwerden, die junge Menschen in eine Depression hineinführen können?

Baumeister-Duru: Es ist mehr, was in eine Depression hineinführt, als allein die Angst vor dem Versagen. Neben der Veranlagung, überhaupt anfällig zu sein für depressive Erkrankungen, sind es verschiedene ins Stocken geratene oder gehemmte psychische Entwicklungsschritte. Das Realitätsprinzip, das seiner Selbst bewusste Ich, das zwischen den Bedürfnissen eigenen Lustgewinns und den von außen gestellten Anforderungen von Moral und Gesellschaft vermittelt, ist häufig noch nicht sicher entwickelt. Ich möchte das veranschaulichen. Für junge Menschen bilden Schule und Familie ja sehr klare Strukturen, die sowohl überschaubare Handlungsmuster vorgeben als auch Unwägbarkeiten und Gefahren abwenden. An der Schwelle zum Erwachsenwerden müssen Jugendliche aus diesen sehr klaren äußeren Strukturen heraustreten und diese durch eigene, innere Strukturen ersetzen. Darin liegt die große Herausforderung, die für Einzelne überfordernd sein und dann depressive Erkrankungen auslösen kann. Dass diese Schwelle zur übergroßen Hürde werden kann, hängt auch mit besonderen Bedingungen von Erziehung im Einzelfall und allgemeinen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen, welche die Welt als Ort der Wunscherfüllung für Heranwachsende erscheinen lassen. Ich beobachte häufig, zumal bei Kindern und Jugendlichen der bürgerlichen Mittelschicht, dass diese aufgewachsen sind mit der Vorstellung, »Alles, was ich mir wünsche, geht auch in Erfüllung«: Mit Zwölf ein Pferd, mit 16 ein Auslandsjahr in Neuseeland, mit 18 einen schicken Mini. Eine Wunscherfüllung nicht durch eigenes Zutun – sondern durch die Eltern. Die Grenze zwischen Wunsch und Realität verschwimmt so; alles erscheint möglich. Für Jugendliche, die in einem solchen Zusammenhang aufgewachsen sind, in dem Wünsche selten auf Begrenzungen trafen, ist es häufiger ein Problem, innere Strukturen herauszubilden. Sie haben massive Probleme zu erkennen, dass Wünsche zunächst einmal Wünsche sind und nicht gleich Realitäten werden. Ich finde es immer wieder – im negativen Sinne – beeindruckend, wie vielen Kindern und Jugendlichen wenig Begrenzungen, sprich: Konfrontationen mit der begrenzenden Realität, aufgezeigt werden.
Kinder und Jugendliche, die in solch einer Blase der Wunscherfüllung sozialisiert worden sind, haben oft ein Problem mit der Herausbildung des nach Freud so benannten Realitätsprinzips. Das Lustprinzip dominiert bei ihnen noch große Teile des Ich. An der Schwelle zum Erwachsenwerden und der Herauslösung aus familiären Strukturen kommt es jedoch darauf an, bei der Bedürfnisbefriedigung Aufschub und Verzicht zu erlernen. Es kommt darauf an, die eigenen Wünsche mit einer begrenzenden Realität selbständig abgleichen zu können. Nur wenn Kinder und Jugendliche eine wirklich stabile Ich-Struktur entwickeln, die zwischen dem Streben nach Lustgewinn und den im Über-Ich verinnerlichten Begrenzungen der Außenwelt und deren moralischen Prinzipien zu vermitteln vermag, können Jugendliche diesen Schritt von der behüteten Kindheit ins Erwachsenenalter erfolgreich meistern. Gelingt dies nicht, dann können an Entwicklungsschwellen, wie aufgezeigt am Beispiel einer bevorstehenden Abiturprüfung, depressive oder andere psychische Leiden hervortreten.

punktum: Sicherlich sind es nicht allein Faktoren der familiären Erziehung, wie die von Ihnen beschriebene Blase der Wunscherfüllung, welche Individuationsentwicklung junger Menschen negativ beeinflussen können. In der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen spielen ebenso Freundeskreis, Schule, soziale Medien und – wie sehr auch durch diese vermittelt – gesellschaftliche Erfahrungen eine große Rolle. Schauen wir zunächst auf die Allgegenwärtigkeit sozialer Medien. Welche Rolle spielt das Smartphone in der Entwicklung junger Menschen?

Baumeister-Duru: Das Smartphone suggeriert eine Omnipräsenz des sozialen Austausches und eine scheinbar ständige Verfügbarkeit. Es ist noch nicht hinlänglich erforscht, was dieses Aufwachsen mit dem Smartphone in der Tasche für die psychische Entwicklung junger Menschen letztendlich bedeutet. Es verändert vieles durch Beschleunigung und Entgrenzung des Sozialen. Wichtige psychische Prozesse für die Ich-Bildung werden entgrenzt und durch Kommunikation verändert. Es schafft beispielsweise die Möglichkeit, immer und zu jeder Zeit Kontakt mit Freunden aufzunehmen. Dies verführt dazu, schwierige Erlebnisse nicht erst mal für sich zu behalten und sie damit zunächst psychisch »verdauen« zu können. An die Stelle reflexiver Vorgänge wie »Ich denke darüber nach« oder »Ich nehme Abstand« treten sofortige Handlungen wie »Ich disse zurück, wenn ich gedisst werde«. Alles meist unmittelbar mitzuteilen und im Kommunikationsstrang sozialer Medien selbst immer erreichbar zu sein, entgrenzt Intimität und Privatheit. Das Ich wird nach außen zur Schau gestellt.

punktum: Wenn auf der einen Seite alles teilbar wird, viele sehr private Dinge der Außendarstellung des Ichs dienen, sinkt nicht dadurch auf der anderen Seite das tatsächliche, viel tiefere Innere weiter unter der Oberfläche ab?

Baumeister-Duru: Sehr richtig. Das nach außen gezeigte Ich ist zumeist das scheinbare Ich, es ist viel plakativer, schöner und erfolgreicher, ein »Performer-Ich«. Persönlichkeitsanteile, die da nicht hineinpassen, werden unterdrückt bzw. verleugnet. Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine junge Patientin, die einen längeren Auslandsaufenthalt absolviert hatte, mochte sich währenddessen nicht eingestehen, wie überfordert und alleine sie war, wie sehr sie litt. Nach außen demonstrierte sie mit vielen Fotos auf Instagram und Stories auf Facebook: Es ist toll hier – ihr könnt mich alle beneiden! Denn es sollte eine Erfolgsstory sein – wie bei den Freunden. Aber dass sie sich tatsächlich sehr einsam gefühlt hatte, dass sie verzweifelt war und schon im Ausland in eine Depression gerutscht war, auch weil sie sich niemandem mitzuteilen vermochte, das blieb lange ihr Geheimnis. Sie getraute es sich nicht einmal ihren Eltern zu sagen, die ihr den großen Wunsch des teuren Auslandsaufenthaltes ermöglicht hatten. Das alles blieb verborgen, weil es keine Erfolgsstory war. Und die Jugendliche blieb mit all diesen schwierigen Gefühlen und tiefen Zweifeln sehr alleine und entwickelte suizidale Phantasien. Also, hinter dem plakativen Ich, das schön, cool und erfolgreich sein will, muss auch vieles so tief verborgen werden, dass es womöglich erst als psychisches Leiden wieder hervortritt.

punktum: Sozialen Medien bedeuten für Jugendliche auch, dass sie sich permanent mit anderen vergleichen können. Nicht unmittelbar und direkt – sondern mit inszenierten Bildern von anderen. Sie betrachten schöne Fotos auf Instagram und lesen aufregende Stories auf Facebook. Wer hier dazugehören will, folgt dem Erzählfaden, tolle Freunde zu haben, coole Partys zu feiern, angesagte Gadgets zu besitzen oder hippe Klamotten zu kaufen. In dieser entäußerten Selbstdarstellung ist kein Raum für Scheitern, Traurig-sein oder Zweifel zu haben. In dieser medialen Konkurrenzsituation wird Erfolgreich-sein zur zweiten Natur der medialen Selbstinszenierung. Die Psyche junger Menschen verinnerlicht so das Leistungsprinzip der Gesellschaft, das keine Verlierer kennen will.

Baumeister-Duru: Das war früher alles auch schon im gewissen Maße da, aber es ist entgrenzter, beschleunigter und auch mechanischer geworden. Die Konkurrenz fängt ja bereits in ganz jungen Jahren an, zunächst vermittelt durch die Mode. »Habe ich die richtigen Klamotten an?« Das zieht sich durch die ganze Schullaufbahn. Und es geht weiter mit der Frage »Habe ich den richtigen Körper?« – mit der Folge, dass auch der Körper zu optimieren ist. Die Psyche wird eingespannt zur allseitigen Selbstoptimierung. Für Zweifel oder Scheitern und den Erfahrungen daraus bleibt immer weniger Raum.
Dies gilt auch zunehmend für die erziehenden Eltern. Sie folgen vergleichbaren Optimierungszwängen: Sie wollen eine möglichst erfolgreiche Erziehung machen und sich selbst darin als optimale Eltern erleben. Dies wird nach außen daran gemessen, welchen Abiturdurchschnitt, welchen Ausbildungsgang bzw. welches Studium die Kinder machen und welch' erfolgreichen Lebensweg sie einschlagen. Bei solchen elterlichen Bemühungen, optimal zu sein, ist es schwierig für Kinder und Jugendliche, Gefühle von Überforderung und Zweifel zu äußern bzw. die Eltern eventuell zu enttäuschen: »Meine Mutter wäre außer Fassung, wenn ich sagen würde, ich habe Zweifel, ich schaffe das alles gar nicht.« Oder: »Ich habe Zweifel, ob ich wirklich zum Schüleraustausch nach Australien gehen kann, weil ich innerlich doch Angst davor habe.« Das kann zu absurdem Fehlverhalten bei Eltern führen, wie ich es in der Praxis erlebt habe: Ein Kind, das unter Ängsten – vor allem unter massiver Trennungsangst – litt, wurde, um die eine psychotherapeutische Behandlung zu umgehen, lieber auf einen Schüleraustausch nach Neuseeland geschickt. Nach dem Motto: »Dabei wird sie Trennung lernen«. In Wahrheit war dies eine, das Kind extrem überfordernde Ersatzhandlung, um dem Eingeständnis – »Mein Kind ist seelisch krank« – aus dem Weg zu gehen, was ja eine narzisstische Kränkung der Eltern im Hinblick auf ihre vermeintliche Erfolgserziehung bedeutet hätte.

punktum: Kinder und Jugendlichen erhalten also in den Eltern das Leistungsprinzip als Über-Ich vorgelebt. Das baut zusätzlichen Druck auf jungen Menschen auf.

Baumeister-Duru: Das stimmt leider. Ich kenne aus meiner Praxiserfahrung Eltern, die reden schon während der Grundschule vom zu erreichenden Numerus clausus. Das klingt wie eine Satire, ist aber Realität. Aber im Hinblick auf psychische Erkrankungen möchte ich nicht alles an der Schulebene oder den sozialen Medien, in denen gesellschaftliche Prozesse sich nur spiegeln, oder an den überhöhten Erziehungsidealen der Eltern festmachen. Das ist viel komplexer. Das Leistungsideal, dem nicht allein jungen Menschen hinterher laufen, ist ein gesellschaftliches: Jeder muss zu jeder Zeit ein Performer seiner selbst sein. Überall ist die Selbstoptimierung der gesellschaftlich abverlangte Fluchtpunkt. Jeder muss in seinem Innersten sich als der eigene Betriebsleiter gerieren, der zweckrational an der Selbstoptimierung arbeitet. Dieser vermittelt nach außen den Anschein, man käme mit der Welt ohne innere Zweifel und ohne Antagonismen jederzeit klar. Selbstzweifel und Überforderung passen nicht ins Schema. Auch an diesem unrealistischen Selbstideal können junge Menschen scheitern – mit den Folgen einer psychischen Erkrankung.

punktum: Umso wichtiger wären dann Freiräume, in denen junge Menschen Erfahrungen jenseits des äußerlichen Anpassungs- und Leistungsdrucks machen können. Wo sehen Sie dazu Möglichkeiten?

Baumeister-Duru: Andere Erfahrung mit sich zu machen, heißt z.B., in sozialen Zusammenhängen Verantwortung zu übernehmen und mit Begrenzungen umgehen zu lernen. Das kann in einem Theaterprojekt sein oder in einem Jugendverband. Solche ergänzenden Erfahrungswelten sind für die Sozialisation und für den inneren Reifungsprozess junger Menschen wesentlich. Aber diese Welten müssen erst wieder neu eröffnet werden. Immer wieder rate ich Eltern, ihren Kindern nicht allein nur ein Hobby zu ermöglichen, sondern sie zum Beispiel zu ermuntern, z.B. zu den Pfadfindern zu gehen. Denn dort kann etwas ganz Anderes erlebt werden: Im sozialen Verbund lernt man sich im Austausch mit anderen kennen. Zum Beispiel: Wenn junge Menschen mit meinem Rucksack auf einer gemeinsam organisierten Ferienfahrt durch die Pampa laufen, lernen sie, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern sich mit anderen zu koordinieren und abzusprechen, um gemeinsam etwas zu erreichen. Im Zusammensein und Aufeinander-angewiesen-sein erfahren sie, dass man auch weiterkommt, wenn man sich selbst erst einmal zurückzustellt. Und man lernt eigene Grenzen kennen. Das Problem aber ist, dass die gesellschaftliche Bedeutung solcher Erlebnisräume abgenommen hat. Das Zweckrationale, also die Verbesserung individueller technischer oder intellektueller Fertigkeiten, spielt bei der Lebensplanung eine übergroße Rolle.

punktum: Kommen wir nun auf die Schwierigkeit zu sprechen, wie ein psychisches Leiden erkannt und daraufhin eine Behandlung eingeleitet werden kann. Der Übergang von Gefühlen der Traurigkeit oder des Selbstzweifels hin zu einer Depression ist ein schleichender, ein langsam voranschreitender Vorgang. Irgendwann hilft es dann nicht mehr, sich eine Auszeit zu nehmen oder es mit einer Luftveränderung zu versuchen. Betroffene verschließen sich, ziehen sich zurück. Das macht das Erkennen einer seelischen Erkrankung sicher schwierig – und ebenso den Weg, eine Hilfe zu suchen.

Baumeister-Duru: Es ist elementar, dass in einer solchen Situation Personen von außen aufmerksam sind und helfen. Zum Beispiel ein Lehrer, der nachfragt: »Was ist mit dir los? Früher hast du dich beteiligt im Unterricht und nun hast du dich so zurückgezogen.« Oder Freunde wundern sich und haken nach: »Wie kommt es, dass du nicht mehr mit dabei bist?« Oder Eltern fällt es auf, dass ihr Kind morgens nicht mehr aufstehen mag, und sie suchen das Gespräch. Da ist der Betroffene sehr auf sein soziales Netz angewiesen. Dies gilt gerade für Jugendliche. Wenn ein solcher Rückzug nicht nur mal ein, zwei Wochen anhält – sondern länger und wenn der Jugendliche sich immer mehr aus dem sozialen Leben und dem Alltag zurückzieht und niedergeschlagen ist, dann kann eine Depression vorliegen. Dann müssen Eltern und Freunde helfen und einen Weg zur Behandlung anbahnen bzw. diesen unterstützen. Junge Leute neigen dazu, Schwieriges und Belastendes mit sich selbst auszumachen, zumal wenn suizidale Gedanken hinzukommen. Solche werden oft erst in der Behandlung beim Therapeuten geäußert und nicht vorher gegenüber Freunden oder Eltern mitgeteilt. Denn Jugendliche wollen ihre Eltern nicht beunruhigen.

punktum: Der erste Ansprechpartner wäre dann für den Betroffenen der Hausarzt, oder?

Baumeister-Duru: Ja, der Hausarzt kann der erste Ansprechpartner für Jugendliche sein, die bei sich eine Depression befürchten. Aber auch das hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Jugendliche haben oft keinen festen Hausarzt mehr, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. In meiner Praxis ist es so, dass mich Angehörige oder auch betroffene Jugendliche oft direkt anrufen.

punktum: Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es bei einer Depression?

Baumeister-Duru: Das kommt sehr auf die Situation und auf den Jugendlichen an. Im Rahmen der Vorgespräche muss zunächst genau diagnostiziert werden, welchen Schweregrad die Depression bereits hat und ob eine Suizidalität vorliegt. Kann dieser Jugendliche noch sein Alltagsleben aufrechterhalten? Oder kann er es nicht mehr? Welche Maßnahmen sind akut notwendig, welche mittel- und langfristig? Je nach Schweregrad ist eine ambulante Psychotherapie, evtl. mit begleitender medikamentöser Behandlung, oder eine stationäre Psychotherapie evtl. mit anschließender ambulanter Behandlung sinnvoll und notwendig. Bei akuter Selbstgefährdung durch Suizidalität kann eine Direkteinweisung in eine Klinik unmittelbar notwendig sein. Es ist meine Aufgabe als Behandlerin, ganz genau hinzuschauen und nachzufragen. Dazu ist es notwendig, dass zwischen dem Patienten und dem Therapeuten ein Vertrauensverhältnis entstehen kann. Wenn ein Jugendlicher zu mir kommt und befürchtet, ich würde alles, was er mir anvertraut Eins-zu-Eins seinen Eltern erzählen, wird er sich nicht öffnen können. Auch deshalb sind Schweigepflicht und Vertrauen wichtige Themen.

punktum: Der erste Schritt in der Behandlung ist es also, dem Jugendlichen einen Schutzraum zu eröffnen, wo er sicher sein kann, dass alles, was er im Rahmen der Therapie von sich preisgibt, auch im geschützten Raum verbleibt?

Baumeister-Duru: Bei diesem Aufbau eines Vertrauensraums ist es ganz wichtig, dass der Jugendliche spürt: Ich als Therapeutin beurteile ihn nicht. Sondern vielmehr: Hier darf alles zur Sprache kommen. Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, was mit ihm los ist. Um dann zu schauen, wo er welche Unterstützung braucht.
punktum: Wie intensiv und häufig sind dann die anschließenden therapeutischen Sitzungen?

Baumeister-Duru: Es ist zunächst zu beachten, dass bei einer depressiven Erkrankung auch im Verlauf der ambulanten Behandlung noch suizidale Phasen auftreten können. Aber wenn eine Vertrauensbeziehung zwischen Therapeut und Patienten aufgebaut werden konnte und der Patient absprachefähig ist, d.h. verlässlich zusagen kann, sich nichts anzutun z.B. bis zum nächsten Treffen, dann können selbst solche Krisen oft im Rahmen einer ambulanten Behandlung gemeinsam gemeistert werden. Wie häufig ambulante Sitzungen stattfinden, ist auch eine Frage des gewählten psychotherapeutischen Verfahrens. Ich selbst führe tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie durch. In einer solchen Psychotherapie arbeite ich bei einer depressiven Erkrankung mit dem Patienten an seinem unbewussten Konflikt, der seiner seelischen Erkrankung zugrunde liegt. Das sind dann zumeist Langzeitbehandlungen. Soweit diese Behandlung durch eine Krankenkasse finanziert wird, gibt es klare Vorgaben: In verschiedenen Bewilligungsschritten sind bei Jugendlichen bis zu 180 psychotherapeutische Sitzungen möglich. Zwei Behandlungsstunden pro Woche, in Krisensituationen evtl. auch drei, sind dann die Regel. Wenn man dann mit ca. 80 Stunden pro Jahr rechnet, kann man daraus schließen, dass eine solche Behandlung insgesamt über zwei Jahre gehen kann. Natürlich nur, wenn dies sinnvoll und notwendig ist und wenn im Verlauf deutlich wird, dass der Patient von der Behandlung profitiert. Das muss man immer wieder überprüfen.

punktum: Frau Baumeister-Duru, ich danke für das Gespräch.

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Das Interview führte Jürgen Garbers, Landesjugendring Hamburg