Heft 1-2015 , Rubrik Titelthema

Ausgezeichnetes Engagement!

Schulsenator Ties Rabe überreicht die ersten Hamburger Zeugnisbeiblätter

Von Gwen Schwethelm, LJR, Bildungsreferentin

Zu den Halbjahreszeugnissen im Januar wurde erstmals das außerschulische, ehrenamtliche Engagement von Schüler/innen mit einem Beiblatt zum Schulzeugnis offiziell anerkannt. 17 Schülerinnen und Schüler erhielten ihr Zeugnisbeiblatt im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Haus des Sports von Schulsenator Ties Rabe.

»Das Beiblatt zeichnet Sie als besondere Menschen aus. Deshalb ist es mehr als ein Beiblatt, es ist eine Auszeichnung!«, betonte Senator Rabe in seinem Grußwort an die ehrenamtlich aktiven Schülerinnen und Schüler und Gäste im Alexander-Otto-Saal am 27. Januar im Haus des Sports. 17 in Hamburger Jugendverbänden ehrenamtlich aktive Jugendliche erhielten im Rahmen der Veranstaltung die ersten Hamburger Zeugnisbeiblätter, die ab dem Schuljahr 2014/15 das außerschulische Engagement sichtbar machen und offiziell bestätigen. Der Impuls, ein solches Blatt zu entwickeln, kam von jungen Ehrenamtlichen, die 2013 an der Veranstaltung »Fraktion im Dialog« – Jugendliches Ehrenamt zwischen den Stühlen – mit Abgeordneten der SPD und Expert/innen im Rathaus teilnahmen. Der Landesjugendring (LJR) entwickelte das Beiblatt daraufhin in Zusammenarbeit mit der Hamburger Schulbehörde, diskutierte es im Sommer mit den Mitgliedsverbänden und stellte es im Herbst 2014 auf seiner Internetseite zum Download bereit. Schulsenator Rabe und dem LJR war es wichtig, die Premiere besonders zu zelebrieren und das nicht selbstverständliche und zeitintensive außerschulische Engagement Hamburger Schüler/innen hervorzuheben und zu würdigen. Bis Mitte Januar hatten die Hamburger Jugendverbände Gelegenheit, dem Landesjugendring ehrenamtliche Aktive aus ihren Reihen zu nennen und diese zur Veranstaltung mit Senator Rabe einladen zu lassen. Natürlich funktionierte die Veranstaltung auch als zusätzliche Werbung für das neue und somit in Schulen und Jugendverbänden zum Teil noch unbekannte Beiblatt.

»Es ist nicht immer einfach, die ehrenamtliche Arbeit und die Schule unter einen Hut zu kriegen«, erklärt Lisa Sachse (17), die in Blankenese auf die Stadtteilschule geht. Seit sieben Jahren ist sie Mitglied im Pfadfinder- und Pfadfinderinnenbund Nordlicht und im Sportverein. Schnell und gern hat sie dort Verantwortung übernommen. Im Pfadfinderbund, in dem sie »Mimia« genannt wird, leitet sie eine Gruppe und ist im Vorstand tätig. Im Sportverein ist sie außerdem als Hilfsturnlehrerin aktiv. Die Grundlagen, um eine Gruppe zu begleiten, Gruppenstunden, in ihrem Verband »Heimabende« genannt, und Fahrten zu planen und durchzuführen, hat sie sich in einem Juleica-Kurs (Jugendleitercard) angeeignet. Sie hat gelernt wie gruppendynamische Prozesse das Miteinander beeinflussen, welche rechtlichen Grundlagen, wie zum Beispiel die Aufsichtspflicht zu beachten sind, und dass die psychologische und physiologische Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen bei der Planung von Aktivitäten mit bedacht sein sollten. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Lerninhalte in einer Juleica-Schulung, die von der BASFI (Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration) als Voraussetzung für die Ausstellung einer Jugendleiter-Card vorgegeben sind (s. Kasten). Außerdem hat Lisa beim DLRG eine Ausbildung zur Rettungsschwimmerin gemacht. Mit der Juleica und der Bescheinigung vom DLRG ist somit belegt, was sie kann. Trotzdem findet sie es wichtig und gut, dass die Stadt Hamburg ihr Engagement durch ein weiteres offizielles Papier würdigt und bestätigt. Und auch, dass die erste Würdigung öffentlich und durch Senator Rabe geschieht. »Das gibt dem Zeugnisbeiblatt nochmal ein besonderes Gewicht!«, meint Lisa.
Daryoush Danaii sieht das genauso: »Lehrer tun sich eher schwer, im Zeugnis außerschulische Leistungen zu bestätigen. Mit dem Beiblatt wird das jetzt leichter und die Lehrer bekommen dann auch mit, was ich noch neben der Schule mache.« Daryoush hat ebenfalls eine Juleica, die Ausbildung dazu hat er bei der Hamburger Sportjugend in den letzten Herbstferien gemacht. Am Gymnasium Bornbrook ist Daryoush stellvertretender Leiter des Schulsanitätsdienstes und bietet eine Bio-AG an. Neben der Schule engagiert er sich in der Segelkameradschaft Hansa und ab April wird er sich als Referent noch stärker im Verband, der Hamburger Sportjugend, einbringen. Daryoush wünscht sich mehr Zertifizierungen dieser Art.


In die Vielseitigkeit der Jugendverbandsarbeit erhielten der Schulsenator Ties Rabe und die Gäste an diesem Abend einen guten Einblick. Was macht man eigentlich bei der Evangelischen Jugend? Wie kommt man zu den Pfadfindern? Was war das schönste Erlebnis im letzten Jahr? Und was verbirgt sich hinter einer Fortbildung mit dem Titel »Gewaltfreie Kommunikation«? »Da lernt man gewaltfrei zu kommunizieren!«, war die knappe Antwort des Befragten. Senator Rabe übergab die Beiblätter nicht nur, er interessierte sich für das, was die Ehrenamtlichen in ihrer Freizeit machen. Er fragte bei jeder Übergabe des Zeugnisbeiblatts nach und war manchmal überrascht, wie facettenreich das zivilgesellschaftliche Engagement der Jugendlichen ist.

Die 17 ausgezeichneten Schüler und Schülerinnen gehören zu den 2039 (Stand Ende 2014 laut BASFI) Juleicainhaber/innen in Hamburg, die sich in ca. 60 Jugendverbände engagieren. Alle Jugendverbände haben zum Teil unterschiedliche Inhalte und Ziele, eins haben sie aber alle gemeinsam: In den Jugendverbänden lernen Kinder und Jugendliche Gemeinschaft kennen und schätzen. Sie werden gefördert und gefordert, Verantwortung für sich und andere, ihnen anvertraute Menschen, zu übernehmen. Sie erleben gemeinsam, wie Gesellschaft und Gemeinschaft getragen und gestaltet wird bzw. werden kann.


Anny Fischer (16) ist eine solche Gestalterin. Seit drei Jahren verbringt die Schülerin des Gymnasiums Ohmoor einen großen Teil ihrer Freizeit in der Kirchengemeinde. Sie ist für die wöchentlich stattfindende Kindergruppe für acht bis 14-Jährige verantwortlich. Sie bereitet die Gruppenstunden vor und vertritt die Interessen von Kindern und Jugendlichen im Jugendausschuss der Gemeinde. Zusätzlich unterstützt Anny auch Gemeindefeste, und in den Ferien fährt sie als Teamerin mit auf die Kinderfreizeit. Viele Termine, viel Zeit, aber eben auch jede Menge Spaß. »Ich finde toll, dass durch das Beiblatt und die Übergabe durch Senator Rabe mein Engagement neben der Schule honoriert wird. Man sollte aber aufpassen, dass jetzt nicht viele nur wegen des Beiblatts aktiv werden«, findet Anny. Eine Befürchtung, die so oder in ähnlicher Weise mancher teilen mag. Ausgangspunkt für die kritische Sicht auf das Beiblatt bzw. jede Art von Zertifizierung ehrenamtlichen Engagements ist die Freiwilligkeit. Freiwilligkeit ist das tragende Element der Jugendverbandsarbeit. Ohne Zwang, ohne Bewertung, ohne Leistungsdruck können sich Jugendliche in den Verbänden ausprobieren, Stärken und Schwächen entdecken und sich weiterentwickeln. Erst die Freiwilligkeit ermöglicht die Vielfalt und Vielseitigkeit ehrenamtlichen Engagements. Im Fokus steht nicht das Lernen, sondern das zusammen etwas »Machen«. Trotzdem ist Lernen dabei inbegriffen, und Anny hat, um die Kindergruppe eigenverantwortlich zu leiten, freiwillig den Juleica-Kurs der Evangelischen Jugend Hamburg besucht. Die Jugendverbände sind Lern- und Bildungsorte. So wie man im Grunde alle Lebensbereiche als Orte des Lernens und Lehrens begreifen kann. Dem Landesjugendring ging es deshalb neben der Möglichkeit, ehrenamtliches Engagement schulisch anerkennen und zertifizieren zu lassen, auch darum, dass mit dem Beiblatt die Jugendverbände als außerschulische Lern- und Bildungsorte sichtbar werden. Die Juleica-Schulung, die Vorstandsarbeit, das Leiten einer Kindergruppe, die Organisation und Begleitung einer Sommerfreizeit, in der Jugendverbandsarbeit lernen die Ehrenamtlichen stetig - mal bewusst, mal unbewusst. Selbst wenn junge Menschen sich in Zukunft engagieren würden, um den Lebenslauf aufzupolieren, bliebe ihr Einsatz freiwillig. Zudem konnten sich Ehrenamtliche auch schon vor dem Beiblatt von ihrem Verband bestätigen lassen, was sie leisten und welche Kompetenzen sie für oder durch ihre Tätigkeit erworben haben. Mit dem Beiblatt wird dies jetzt auch von schulischer Seite anerkannt.

Matz Buck (20) macht eine Ausbildung zum Kältetechniker. Seit 2011 engagiert er sich neben der Schule und Ausbildung beim CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen). So begleitet er Sommerfreizeiten und Konfirmandenfahrten und hilft bei Aktionstagen für Kinder und Jugendliche. Seine Juleica ist nur noch bis zum Sommer gültig. Um die Karte, die immer für drei Jahre ausgestellt wird, verlängern zu können, braucht Matz demnächst eine achtstündige Juleica-Fortbildung. »Klar, habe ich die Juleica-Ausbildung vor allem gemacht, weil ich ohne die nicht als Teamer auf Sommerreisen hätte fahren dürfen. Aber das, was wir da gelernt haben, war dann auch spannend und hat mir auf den Reisen total geholfen«, erklärt Matz. Die notwendige Fortbildung macht er zu Pfingsten, wahrscheinlich zum Thema »Einkaufen und Kochen für große Gruppen«. Auch Matz findet die Möglichkeit gut, sein Engagement im CVJM durch das Zeugnisbeiblatt anerkennen zu lassen. Sein Schulleiter war sogar sehr beeindruckt, was Matz alles neben der Ausbildung macht und lernt. Es ist nicht nur ein schöner Nebeneffekt, dass Schulleitungen und Lehrer/innen durch das Zeugnisbeiblatt vom Engagement ihrer Schüler/innen erfahren. Es ist explizit gewollt. Die Zeugnisbeiblätter bestätigen die Jugendverbände als Lernorte und geben jenen Einblick in die Vielfalt ehrenamtlichen Engagements, den Senator Rabe bei der Veranstaltung am 27.1. ebenfalls erhielt. Dabei orientiert sich das Engagement junger Menschen in ihren Jugendverbänden nicht an Bildungsplänen und Lerninhalten sondern an der Praxis. Und während für viele Lerngegenstände und -inhalte die Schule den Lebensweltbezug der Schüler/innen sucht bzw. manchmal sogar an den Haaren herbeiziehen muss, ergibt sich in der Jugendverbandsarbeit der Lerninhalt als direkte, alltägliche Erfahrung bzw. Herausforderung in der Praxis oft einfach von selbst. Aus diesem Grund ist das außerschulische Lernen mit dem schulischen tatsächlich nur bedingt vergleichbar. Aber dass in den Jugendverbänden gelernt und gelehrt wird, ist nicht zu bestreiten. Und deshalb ist es wichtig, dass das Engagement und die dabei erworbenen Kompetenzen der jungen Ehrenamtlichen in Zukunft gesellschaftlich noch sehr viel vielfältiger und umfassender (an)erkannt werden!

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Mindeststandards Juleica

Die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie, Integration Hamburg (BASFI) bestimmt in einem offiziellen Merkblatt bereits seit dem 1. Mai 2000 (die letztgültige Fassung ist seit dem 8. Februar 2010 in Kraft) die Mindeststandards für die Ausbildung von Jugendleiterinnen und Jugendleiter. Damit gibt die BASFI genau vor, welche Lerninhalte und welchen zeitlichen Umfang eine Jugendleiter/innen-Ausbildung und der ebenfalls zu absolvierende Erste-Hilfe-Lehrgang haben müssen, damit von der Behörde eine Jugendleitercard ausgestellt werden kann. Außerdem werden auch die Richtlinien zur erneuten Ausstellung einer Juleica nach Ablauf der drei Jahre definiert.
Das Merkblatt ist auch auf der LJR-Seite zu finden unter: www.ljr-hh.de/fileadmin/user_upload/juleica/hher_mindeststandards_juleica_ausbildung.pdf

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Wer kann wie das Zeugnisbeiblatt erhalten?

Voraussetzungen für das Beiblatt sind:
• Du engagierst dich regelmäßig oder verlässlich projektbezogen in einem Jugendverband/Verein
• Du bist Inhaber/in einer gültigen Juleica

So geht´s:
• Beiblatt herunterladen unter: www.ljr-hh.de/Zeugnisbeiblatt.zb.0.html
• Ausfüllen
• Von deinem Verband/Verein unterschreiben lassen
• In der Schule abgeben und dort von der Schulleitung unterschreiben lassen
• Die Aushändigung des Zeugnisbeiblattes erfolgt dann mit der Ausgabe des Schulzeugnisses