Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 4-2008, Rubrik Titelthema

Internationale Jugendarbeit

Bestandsaufnahme und Perspektiven

1. Ein Blick in die Geschichte
Internationale Jugendarbeit beginnt in der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren als »Völkerverständigung und Wiedergutmachung durch Begegnung«. Mit dem Bundesjugendplan (1950) schafft der Bund die Grundlage für ein öffentliches Förderungssystem. Gruppen aus Deutschland fahren ins Ausland, ausländische Partnergruppen fahren in die Bundesrepublik, und multinationale Jugendlager (Workcamps) finden z.B. in Verbindung mit der Betreuung von Kriegsgräbern im Ausland statt. Mit der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks 1963 wird eine erste Institution der Internationalen Jugendarbeit geschaffen, der in den 90er Jahren weitere folgen werden. 1967 erhält die Aktion Sühnezeichen die Möglichkeit zur Einreise nach Polen. Versöhnung bezieht sich zuerst nur auf die westlichen Länder, später erst auf Osteuropa. Seit 1955 besuchen deutsche Jugendgruppen Israel. Einige Jahre später kommen junge Israelis in die Bundesrepublik.

Krise und Wandel. Ende der 60er Jahre gerät die Internationale Jugendarbeit in eine Krise. »Wiedergutmachung, Völkerverständigung, Europa« haben sich als abstrakte Zielvorgaben abgenützt, und die Praxis der »Belehrungsdidaktik« und »diplomatenähnlicher Routinen« wird von den Jugendlichen abgelehnt. Die Praxis leidet unter dem Widerspruch zwischen dem hohen politischen Anspruch einerseits und einer gleichzeitig »minimalistischen« Pädagogik, die allein auf die Wirkung von »Begegnung« und Kontakt vertraut. Das interkulturelle Lernkonzept hilft aus dem Dilemma. Die konkreten Interaktionen der Teilnehmer werden jetzt bedeutsam, und Differenzen im Begegnungsalltag werden als national / kulturell bedingt bzw. beeinflusst wahrgenommen und als Thema eingeführt. Auf der konzeptionellen Ebene ist es der gelungene Versuch einer guten Balance zwischen politischem Anspruch einerseits und Eingehen auf die Bedürfnisse der Jugendlichen andererseits. Die Umsetzung erfordert eine landeskundliche, gruppenpädagogische und methodisch-didaktische Fachlichkeit auf der Ebene der Teamer/innen. Dies ist bis heute aktuell.

Die 80er Jahre bringen eine starke friedenspolitische Orientierung, die internationale Gedenkstättenpädagogik erhält einen neuen Aufschwung, und Internationale Jugendarbeit versteht sich als wichtiger Beitrag zur Integration der Bundesrepublik in die EG bzw. EU. Die Trägerlandschaft expandiert, neue gemeinnützige Initiativen entstehen, und einige der etablierten Träger werden durch deren expliziten Anspruch auf Qualität, Fachlichkeit und Kooperation unter Modernisierungsdruck gesetzt. Die folgenden Jahre führen zu einer verstärkten Orientierung nach Mittel- und Osteuropa, insbesondere wird der Austausch mit Polen, Tschechien, der Slowakei und den Ländern der GUS verstärkt. In den 90er Jahren werden neue Institutionen gegründet, z.B. das deutsch-polnische Jugendwerk (1991), das deutsch-tschechische Koordinierungsbüro – Tandem (1997) und das deutsch-israelische Koordinierungsbüro (2000). Es folgt das Ostsee Jugendbüro (1990) und die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (2006). Das Büro Jugend für Europa bzw. die deutschen Agentur für das EU-Aktionsprogramm JUGEND wird zu einem wichtigen Akteur und stärkt die multinationale Dimension in der Internationalen Jugendarbeit. Weitere wichtige Akteure sind IJAB, die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland und auf der Forschungsseite, der Forscher-Praktiker für Internationale Jugendarbeit.

Die Leitbilder in der Internationalen Jugendarbeit wurden im Laufe der Geschichte immer weiter entwickelt und ausdifferenziert. Sie beziehen und bezogen sich immer in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen auf die drei Ebenen der Internationalen Jugendarbeit, nämlich erstens die personale und jugendpädagogische Ebene (Mikroebene), zweitens die organisationsbezogene jugendpolitische Ebene (Mesoebene) und drittens die außen- und gesellschaftspolitische Ebene (Makroebene).

2. Internationale Jugendarbeit: Grundverständnis – Struktur – Methoden
Praxis und Theorie der Internationalen Jugendarbeit entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten zu einem jugendpolitisch und -pädagogisch relevanten Praxisfeld, das von einem eigenständigen interdisziplinären Forschungs- und Theoriediskurs begleitet wird. Jugendauslandsreisen sind dann Internationale Jugendarbeit, wenn Lern- und Bildungsprozesse des Internationalen bei den Jugendlichen angeregt werden und wenn es zu Begegnungen mit Jugendlichen aus dem besuchten Land kommt.

Unterschieden werden bi-, tri- und multinationalen Aktivitäten, thematisch orientierte Reisen mit Begegnungscharakter sowie Workcamps. Träger der Maßnahmen sind Jugendverbände, kommunale Jugendarbeit, Jugendbildungswerke, Jugendbildungsstätten, Träger der politischen und kulturellen Jugendbildung, Vereine und andere freigemeinnützige Träger sowie auf Internationale Jugendarbeit spezialisierte Träger. Oft gilt das Prinzip der Hin- und Rückbegegnung in Bezug auf die Gruppen, nicht unbedingt in Bezug auf die einzelnen Jugendlichen. Die Jugendlichen lernen z.B. gemeinsam in gemischtkulturellen Gruppen, sie arbeiten an gemeinsamen Themen, leben miteinander und verbringen gemeinsam ihre Freizeit. Die Aktivitäten dauern meist zwischen sieben bis 21 Tage und finden in der Regel in den Schulferien statt. Bildungsnahe Milieus, Schüler/innen an Gymnasien und Gesamtschulen sowie Studierende machen den Großteil der Teilnehmenden aus. Je nach Konzept und Träger finden sich aber auch Aktivitäten mit Schüler/innen anderer Schularten bzw. Auszubildende. Um die Frage der Teilnehmerstruktur empirisch klären zu können und der Vielfalt der Praxis gerecht zu werden, bedarf es einer systematischen Dauerbeobachtung dieses Feldes. Aktuell gibt es einige Initiativen, bildungsferne und benachteiligte Jugendliche in die Internationale Jugendarbeit einzubeziehen.

Internationale Jugendarbeit betrifft als Querschnittsbereich alle Felder der Kinder- und Jugendhilfe, bezieht sich aber hauptsächlich auf Jugendarbeit nach § 11 KJHG (SGB VIII) im Sinne eines Angebots an prinzipiell alle Jugendliche, die in der Bundesrepublik ihren Lebensmittelpunkt haben.
Konzeptionelle und finanzielle Rahmenbedingungen ergeben sich aus dem Finanz- und Steuerungsinstrument des Bundes, nämlich dem Kinder- und Jugendplan des Bundes sowie den Richtlinien der Bundesländer und der Kommunen, dem Regelwerk des Programms JUGEND der EU sowie den Statuten der binationalen Jugendwerke. Mit den Weimarer Leitlinien des Bundes und der Länder von 2001 zur Internationalen Jugendarbeit liegt eine fachlich anspruchsvolle, allerdings in der Länderprioritätenliste umstrittene Grundorientierung vor. Der Stellenwert der Internationalen Jugendarbeit in den einzelnen Kommunen und Bundesländern ist sehr unterschiedlich. Zudem befindet sich Kinder- und Jugendarbeit seit einigen Jahren durch eine falsche politische Prioritätensetzung der Bildungs-, Sozial- und Jugendpolitik zuungunsten der Jugendpolitik in einer prekären Situation. Trotz allen Engagements, aller Qualitätssicherungsmaßnahmen der Akteure und aller Belege für die langfristige Wirksamkeit der Jugendarbeit (kommunale Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendbildungsarbeit) für Demokratie, Jugendförderung und für (nicht primär intendierte) Prävention hat die Jugendarbeit »schlechte Karten« im politischen Verteilungskampf (Lindner, Werner Hg. 2008). Dies gilt für die Jugendarbeit allgemein und die Internationale Jugendarbeit im Besonderen, da letztere hauptsächlich von den Strukturen auf lokaler, regionaler, verbandlicher Ebene (einschließlich der Jugendbildungstätten) abhängig ist und jede Modellförderung an unzureichenden Strukturen ihre Grenzen hat.

Urlaub? Internationale Jugendarbeit hat im Binnendiskurs der Jugendhilfe und der Jugend-, Bildungs- und Sozialadministration immer noch mit viel Unwissen, fehlender Anerkennung und bewusster Ignoranz zu kämpfen. »Die fahren ja nur in Urlaub«. Dies zeigt sich – trotz aller Lippenbekenntnisse – sowohl auf kommunaler Ebene als auch auf Länderebene, bei freien und offenen Trägern. Ein Bundesländervergleich in Bezug auf die Höhe der Finanzausgaben und der systematischen Unterstützungsaktivitäten auf kommunaler und Bundesländerebene im Rahmen eines »PISA« der Internationalen Jugendarbeit ist das Gebot der Stunde.
Seit den 80er Jahren bestimmt das Konzept des interkulturellen Lernens in seinen verschiedenen – einander ergänzenden – Varianten den Praxis- und Theoriediskurs. Je nach pädagogischer Konzeption liegt der Schwerpunkt der Lernprozesse bei der Bearbeitung von tatsächlichen oder vermeintlichen kulturellen Differenzen oder bei der Orientierung an Gemeinsamkeiten. Methodisch-didaktisch ist die Bedeutung informeller Lernprozesse, von Entspannung und Bewegung sowie Partizipation und »unverplanter Zeit« unumstritten. Jugendpädagogisch stehen die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer/innen, ihre Identitätsbildung sowie Interaktions-, Kommunikations- und Verstehensprozesse mit den am Lernprozess beteiligten Personen aus anderen Nationen im Mittelpunkt (vgl. die Ergebnisse der Grundlagenstudie Dubiski / Ilg 2008). Es geht um Sensibilisierungsprozesse für vermeintlich »Eigenes« und »Fremdes«, aber auch um interkulturelle und internationale Kompetenz als relevante Schlüsselqualifikation moderner Gesellschaften und einer weltweit orientierten Wirtschaft. Diese Aufzählung ist im Hinblick auf neue einander ergänzende Leitbilder z.B. »kosmopolitische Bildung« und »Umgang mit Differenzen / Diversität« zu ergänzen.

Die jugendpolitische Dimension findet sich in der bi-, tri- oder multilateralen Zusammenarbeit zwischen Akteuren der Jugendarbeit aus verschiedenen Ländern, z.B. Jugendverbänden, anderen NGOs und Vertretern staatlicher Jugendarbeit. In der länderbezogenen Prioritätensetzung, in bi- oder multinationalen Abkommen zeigt sich die außenpolitische Dimension. Die Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit sind ein Baustein auswärtiger Kulturpolitik, Ausdruck und Beleg guter Zusammenarbeit oder Medium zur Verbesserung der Beziehung zwischen verschiedenen Staaten. Leider wird dies von der Politik unzureichend gewürdigt.
Die Aktivitäten der zivilgesellschaftlichen Akteure können in ihrer Summe – nicht bezogen auf jede einzelne Maßnahme – eine relevante Wirkung im Sinne der genannten Leitbilder, z.B. von Völkerverständigung, »Guter Nachbarschaft«, Interkulturalität in der Einwanderungsgesellschaft, Europäischer Staatsbürgerschaft und »Weltbürgertum« für sich beanspruchen.

Struktur und Teilhabe. Aus dem Selbstverständnis der Bundesrepublik als Sozialer Demokratie ergibt sich die Forderung nach Chancengleichheit, Partizipation und Teilhabe am »Habitus der Internationalität« für Jugendliche aus allen Milieus und Bildungsgängen. Dies ist eine zentrale gesellschafts-, jugend- und bildungspolitische Aufgabe der Internationalen Jugendarbeit. Dies impliziert eine öffentlich geförderte Infrastruktur, wie sie sich in der Bundesrepublik in 50 Jahren entwickelt hat und um die uns andere Länder beneiden. Das Ziel einer auf allen Ebenen funktionierenden Nachhaltigkeit in der Internationalen Jugendarbeit ist nur möglich, wenn ein Mindeststandard an Infrastruktur und kontinuierlicher Personalausstattung in der Jugendarbeit erhalten bleibt und der Bund seine wichtige Rolle in der Internationalen Jugendarbeit weiter offensiv spielt. Dazu gehören auch die Finanzierung von Forschungsinitiativen und bundesweiten Träger- und ziellandübergreifende Tagungen, Fortbildungen und Publikationen. Ohne träger- und länderspezifischen Aktivitäten auf Bundesebene sowie träger- und länderübergreifenden Maßnahmen kann der Gesamtzusammenhang der Internationalen Jugendarbeit in Praxis und Wissenschaft nicht erhalten, geschweige denn weiterentwickelt werden. An dieser Stelle sollen zentrale Forschungsergebnisse der letzten Jahre genannt werden.

Persönlichkeitsentwicklung. Erstens bezogen auf die personale Dimension ist die Wirksamkeit der Internationalen Jugendarbeit umfassend in der Studie des Teams um den Regensburger Professor für Psychologie Alexander Thomas »Langzeitwirkungen der Teilnahme an Jugendaustauschprogrammen auf die Persönlichkeitsentwicklung« belegt worden. In dieser Studie wurden über 500 junge Erwachsene, die vor ca. zehn Jahren an unterschiedlichen internationalen Jugendbegegnungsprogrammen einschließlich Schüleraustausch teilgenommen haben, schriftlich befragt. Die Ergebnisse zeigen nachhaltige positive Wirkungen der Austauschteilnahme auf Selbstsicherheit, Vertrauen in die eigene Fähigkeiten, Offenheit für neuartige Erfahrungen sowie die Stärkung sozialer und interkulturelle Kompetenzen (Thomas/Abt/Chang (Hg.) 2006a, 2006b).

Interkulturelle Kompetenz. Zweitens wurde in einer großen Evaluationsstudie ein mehrsprachiges Selbst-Evaluationsinstrument aus dem Bereich der Freizeitenevaluation und des Jugendreisens übernommen und weiterentwickelt (freizeitenevaluation.de, jugendbegegnungen-evaluation.net). Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Qualitätsentwicklung und Selbst-Evaluation, und die Ergebnisse der sogenannten Grundlagenstudie belegen, dass es zu einem Wissenszuwachs im Hinblick auf interkulturelle Kompetenz und zu einem höheren Problembewusstsein für interkulturelle und internationale Fragen bei den beteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommt (Ilg 2008, Dubiski /Ilg 2008, Thimmel/Ilg 2008). An dieser Stelle kann nur an alle Jugendverbände und die kommunale Jugendarbeit appelliert werden, sich für den Bereich der Freizeiten / Jugendreisen / Internationale Jugendarbeit an diesem bundesweit – von der Praxis entwickelten – Evaluationsverständnis zu beteiligen. Dies aus eigenem Interesse und dem Interesse an der Weiterentwicklung dieser Handlungsfelder der Jugendarbeit (Ilg, Dubiski/Ilg).

Weitere Themen beziehen sich auf die konzeptionell vollzogene und für die Praxis und Theorie geforderte »Zurück«-Bindung der Internationalen Jugendarbeit an den Diskurs über Jugendarbeitsforschung und die Bezugnahme auf die reflexive Migrationspädagogik sowie die diversitätsbewußte Pädagogik (Thimmel/Friesenhahn 2004, Winkelmann 2006, Riß/Thimmel 2007, Eisele/Scharatow/Winkelmann 2008).

Hidden curriculum. In sehr unterschiedlicher Weise rekurrieren die Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit auf Grundfragen und Themen der Politischen Bildung. Das »Politische« läuft in allen Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit quasi im Hintergrund mit. Große konzeptionelle Unterschiede gibt es aber beim Sichtbarmachen des Politischen durch die Teamer/innen bzw. durch eine entsprechende Berücksichtigung im Programm bzw. im »hidden curriculum«. Dies ist aus gutem Grund von Zielgruppe zu Zielgruppe und von Träger zu Träger unterschiedlich und spiegelt die Vielfalt und Ressource eines pluralistischen Modells. Im deutsch-französischen Jugendaustausch geht es auch um die politische Dimension zumeist bezogen auf das bilaterale Verhältnis; im deutsch-israelischen Austausch geht es immer auch um eine historische sowie eine aktuell-politische Dimension auf der Ebene der Teilnehmer/innen, der beteiligten Organisationen und der beteiligten Länder. In multinationalen Workshops ist der Problemhorizont auf Europa erweitert, die Perspektivenerweiterung auf ein Konzept der Weltgesellschaft lässt sich vielleicht normativ fordern, muss aber in der Praxis gelebt werden.
Die nichthintergehbare Orientierung an der Außenpolitik garantiert den Kompetenzanspruch des Bundes. Die Teilnehmer/innen der Begegnungen verstehen sich oft als Botschafter/innen ihres Landes. Dabei soll offen bleiben, ob diese nationale Gruppenidentität als Folge des gewählten Formats der binationalen Begegnung zu interpretieren ist oder dem Wunsch nach einer kollektiven Identitätskonstruktion geschuldet ist.

Europa. Bei den multinationalen Aktivitäten spielt meist das Konzept der europäischen Union eine große Rolle. Dieses ist an real existierende Institutionen und ihrer Politik gebunden sowie orientiert an eine europäische Staatsbürgerschaft. Aus Sicht der Kommunikationsabteilung der EU und des Auswärtigen Amtes erscheinen die Bildungsaktivitäten oft als Verkaufsstrategie im Sinne eines »Europa vermitteln«. Dabei wird aber von den »dunklen Seiten der EU« abstrahiert und das politische Projekt der EU-Staatsbürgerschaft (im Jargon der Politik) »vermittelt«. Problematische Themen – wie Abgrenzung gegenüber Drittstaaten, neoliberale Orientierung in der Wirtschaft, neoliberale Interpretation von Sozialen Dienstleistungen und Bildung, Aufbau von militärisch-industriellen Komplexen und Beteiligung an Kriegen – kommen nicht auf die Agenda.

3. Wie weiter? Internationale Jugendarbeit als Beitrag zur interkulturellen Öffnung der Jugendverbände
In der Internationalen Jugendarbeit werden nationalstaatliche und kulturelle Zuschreibungen reflektiert, es geht um Perspektivenwechsel und Grenzüberschreitung. Diese informelle Bildung führt bei den Teilnehmern/innen zu einer sensibleren Wahrnehmung der Bundesrepublik als Einwanderungsland. Jugendliche mit Migrationshintergrund können sich als Teilnehmer/innen in einer neuen Rolle innerhalb der deutschen Gruppe erleben und ihre interkulturelle Kompetenz als Ressource einbringen. Sie können aber erst dann verstärkt an der Internationalen Jugendarbeit partizipieren, wenn sich die bestehenden Strukturen weiter öffnen, der begonnen Qualitätsdiskurs weitergeführt wird, das Jugendverbandssystem finanziell besser ausgestattet wird und so die Verbreiterung der jugendpolitischen Beteiligungsbasis nicht auf Lasten der anderen Jugendverbände, Jugendbildungsstätten und bisher Etablierten geht. Die jugendpolitische finanzielle Verteilungsmasse muss größer werden, soll die Teilhabe bisher nicht beteiligter Jugendlicher und Organisationen aus dem Migrationsbereich an der Internationalen Jugendarbeit ernsthaft betrieben und die Anzahl signifikant erhöht werden. Kommunale Jugendarbeit mit ihren Zugängen zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist (wieder) an die Internationale Jugendarbeit heranzuführen, die interkulturelle Öffnung der Jugendverbände sowie die Beteiligung von Migrantenselbstorganisationen an Jugendarbeit und Jugendpolitik ist voranzutreiben.

Kontextwechsel. Internationale Jugendarbeit stellt sich erstens ihrer Verantwortung als Teil der Jugendarbeit und ist beteiligt am allgemeinen Öffnungsprozess der verschiedenen Felder und Träger der Jugendarbeit. Darüber hinaus gibt es zweitens Spezifika der Internationalen Jugendarbeit, die sich durch den Kontextwechsel im Internationalen als Grundbestandteil jeder Mobilität / Grenzüberschreitung ergeben. Dies kann in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund von der »Defizitzuschreibung zur Ressourcenorientierung« führen. »Die Veränderung des Blicks auf Migranten/innen ist aus unserer Sicht ein zentraler Beitrag zur Integration«. (Bundesjugendkuratorium 2008, S.6). Die gleichberechtigte Anerkennung aller beteiligten Einzelpersonen, Gruppen und Staaten ist für die Internationale Jugendarbeit konstitutiv, ungeachtet aller sprachlichen, ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Unterschiede und realen Machtasymmetrien.

Erstens: Die interkulturelle Öffnung als Gesamtstrategie der Internationalen Jugendarbeit bezieht sich zum einen auf die individuelle Zugangsthematik von Personen mit Migrationshintergrund und zum anderen auf soziologischorganisatorische Strukturmerkmale des jugendpolitischen Systems. Träger entwickeln eine Strategie, um die eigenen Maßnahmen, Aktivitäten, Formate für eine größere Anzahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund attraktiv zu machen. Dies kommt auch denjenigen Jugendlichen (Milieus, Jugendkulturen, Bildungsbereichen, Jugendgruppen) zugute, die bisher nicht an der Internationalen Jugendarbeit partizipieren, z.B. bildungs- bzw. schulfernen Jugendlichen. »Klassische« Aktivitäten sind an diese Zielgruppen anzupassen. Deren Partizipation und Teilhabe ist zu erhöhen. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es sich bei »Jugendlichen mit Migrationshintergrund« um keine homogene Gruppe handelt. Zudem wollen Jugendliche nicht von »außen« und nicht überall, nicht von Jedem und zu jedem Zeitpunkt auf ihre Herkunft festgelegt werden (Fremdzuschreibung). Stattdessen wollen Jugendliche, die in der Bundesrepublik ihren Lebensmittelpunkt haben, individuell und von Kontext zu Kontext ihre Herkunft thematisieren oder auch nicht. Neben der Zugangsproblematik bei Teilnehmer/innen und Mitgliedern bezieht sich interkulturelle Öffnung auf die Erhöhung des Anteils der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter/innen mit Einwanderungsgeschichte auf allen Ebenen der Jugendarbeit.

Die Autoren der kritischen interkulturellen Bildung, z.B. Georg Auernheimer, Franz Hamburger, Annita Kalpaka haben ein Reflexionsniveau vorgelegt, das es aufzugreifen gilt. Die notwendige Reflexivität und Problematisierung von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten im Integrationsdiskurs haben in der Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums: »Pluralität ist Normalität für Kinder und Jugendliche – Vernachlässigte Aspekte und problematische Verkürzungen im Integrationsdiskurs« April 2008 (www.bundesjugendkuratorium.de – Stellungnahmen) eine prominente Fassung erhalten, deren Aussagen auch für die Internationale Jugendarbeit und ihr Verständnis von Migration relevant sind.

Pragmatisch geht es darum, in der Praxis und den Strukturen der Internationalen Jugendarbeit die Balance zwischen »Farbenblindheit« im Sinne der Nichtberücksichtigung von Kultur einerseits und (nichtbeabsichtigter) »Kulturalisierung« im Sinne der Festlegung von Individuen auf ihre Herkunft andererseits herzustellen. Die Internationale Jugendarbeit kennt dieses Ringen um eine adäquate Balance in Praxisentwicklung und Begriffsgeschichte des »interkulturellen Lernens«.

Spätestens seit 2005 arbeiten Träger der Internationalen Jugendarbeit, also Jugendverbände, Jugendbildungsstätten, Jugendbildungswerke sowie spezialisierte Organisationen im Feld der Mobilität, des Reisens und der Internationalen Jugendarbeit am Projekt der Integration. Integration bedeutet in der Internationalen Jugendarbeit immer einen beid- oder mehrseitigen Prozess des Wandels der Bundesrepublik zum Einwanderungsland.
Vereine junger Migranten / Migrantenjugend-Selbstorganisationen werden z.B. durch »Inter-Kulturell on Tour« an die Internationale Jugendarbeit herangeführt. Träger der Internationalen Jugendarbeit werden in ihren Anstrengungen unterstützt, die Teilhabe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an ihren Aktivitäten zu erhöhen. Für die offene und kommunale Jugendarbeit – an der Jugendliche mit Migrationshintergrund seit vielen Jahren angemessen partizipieren – ergibt sich ein anderer Bedarf. Kommunale Jugendarbeit soll sich »wieder« verstärkt an der Internationalen Jugendarbeit beteiligen.

Alle Bemühungen finden jedoch ihre Grenzen an den finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen. In den letzten Jahren haben sich, trotz aller Lippenbekenntnisse zum gesellschaftlichen Wert der informellen Bildung, die Rahmenbedingungen der Jugendarbeit verschlechtert.

Abhilfe. Um die Teilhabe von Jugendlichen mit »tatsächlichen oder zugeschriebenen« Benachteiligungsmerkmalen an der Internationalen Jugendarbeit zu erhöhen, müssen mit den entsprechenden Trägern – Jugendmigrationsdienste, Jugendsozialarbeit und jugendbezogene Migrationsarbeit (Arbeit mit Migrantenjugendlichen von Ausländervereinen und Migrantenselbstorganisationen) – gemeinsame Konzepte und Projekte realisiert werden, damit potentiell alle Jugendlichen von der Internationalen Jugendarbeit profitieren können. Die Chancengleichheit im Sinne einer »eigenen Erfahrung der Internationalität« ist unabhängig von finanziellen, kulturellen oder sozialen Ressourcen zu gewährleisten.

Zweitens: Die Internationale Jugendarbeit beansprucht darüber hinaus einen spezifischen Beitrag zur Integration zu leisten. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei um plausible und erfahrungsgenährte Hypothesen, deren Verifizierung und Präzisierung noch in den Ergebnissen der aktuellen Evaluationsforschung aussteht. Einige der Annahmen über den spezifischen Beitrag der Internationalen Jugendarbeit sollen im Folgenden thesenartig genannt werden.

Kompetenz statt Defizit. Jugendliche mit Migrationshintergrund können ihre spezifische Zwei- oder Mehrsprachigkeit auf der Reise bzw. in der Jugendbegnung als Ressource und besondere Kompetenz erleben. In Bezug auf ihre Identität wird aus dem »Zwischen den zwei Stühlen sitzen« eine positive Figur, desjenigen, der »zwei Stühle zur Verfügung hat«. Er ist gerade wegen seiner »Doppelkulturalität« und interkulturellen Kompetenz als interkultureller / internationaler Vermittler gefragt. In der Internationalen Jugendarbeit wird aus der Defizitzuschreibung des Alltags eine Ressourcenorientierung in der Begegnung, die auf den Alltag ausstrahlen kann.

Perspektivenwechsel. Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund werden im Ausland mit der Bundesrepublik Deutschland als ihrem »Heimatland« konfrontiert, sie erfahren sich als Vertreter Deutschlands. Dies ermöglicht Jugendlichen einen neuen und persönlichen Zugang zu Politik und Gesellschaft. In der Internationalen Jugendarbeit läuft die Dimension des Politischen und der politischen Bildung immer als Hintergrundfolie mit. Ein fiktives Beispiel: Die Teilnehmer/innen der deutschen Gruppe, nämlich die junge Türkin aus Köln, der Marokkaner aus Köln, die junge Kölnerin aus Ghana erzählen in der Begegnung mit Niederländern und Franzosen positiv von ihrer Stadt, ihrem Bundesland, ihrem Staat. Oder sie berichten von Diskriminierungserfahrungen und stellen Vergleiche an. Vielleicht sprechen sie aber auch überhaupt nicht über Diskriminierung, sondern genießen die Tatsache, in einer multinationalen Gruppe nicht als Außenseiter zu gelten. Gleichzeitig erfahren »deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund« die multikulturelle Gruppe stellvertretend für die Bundesrepublik als Einwanderungsland und orientieren sich – so die Hypothese – in ihrem Alltag weiter an diesem interkulturellen Leitbild.

Die Erfahrung von Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und ihre Sonderstellung aufgrund der eigenen Herkunft oder der Herkunft der Eltern kann so in der Internationalen Jugendarbeit neu thematisiert und durch »neue Praxis« überwunden werden. Dazu bedarf es einer Lern-, Bildungs- und Freizeitsituation der Vielfältigkeit, in der »alle fremd« sind und die Fremdheit des einzelnen Migranten seine Sonderstellung verliert.

Fazit. Internationale Jugendarbeit hat eine lange Erfahrung in der »Kultur der Anerkennung« von verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Sprachen. Gegenseitige Achtung und Kommunikation auf Augenhöhe sind feste Bestandteile jeder Konzeption, die sich dem Fachdiskurs der Internationalen Jugendarbeit verpflichtet fühlt. In der Praxis ist die Realisierung mühsam, aber die Interaktion auf Gegenseitigkeit ist konstitutiv und Kernbestandteil des »Interkulturellen Lernens« in der Internationalen Jugendarbeit, das sich in aktuellen Varianten neben den kulturellen und methodischen Aspekten auch mit sozioökonomischen Benachteiligungen und anderen Differenzlinien auseinandersetzt. Die Thematisierung der »kulturellen Einbettung« betrifft alle Personen, die am Austausch beteiligt sind. Internationale Jugendarbeit kann aber auch die deutsche Integrationspolitik auf blinde Flecken im eigenen Diskurs aufmerksam machen, wenn z.B. im Fachkräfteaustausch deutlich wird, dass in anderen Ländern eine andere Integrations- und Sozialpolitik / Soziale Arbeit machbar ist und auch Flüchtlinge und Asylbewerber im Focus der Integration stehen oder z.B. andere Methoden, Strukturen und Konzepte erfolgreich angewandt werden.


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Literatur
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