Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3-2010, Rubrik Titelthema

Kick it like Kurt

Zeitgeschichtliche Projekte im Kreisjugendring München-Stadt

Von Sylvia Schlund, Kreisjugendring München-Stadt

»Erinnern heißt für mich: den Verstand erleuchten! … Es geht nicht um Betroffenheit oder Schuldkomplexe. Es geht um die Frage: Lernen wir dazu?« (Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel)

Die Fachstelle »Zeitgeschichtliche Projekte« besteht seit Januar 2008 und geht zurück auf die Initiative des Kreisjugendrings München-Stadt (KJR), bei den Planungen für das künftige NS-Dokumentationszentrum München mit zu wirken. Das Projekt versteht sich als Partner sowohl in den Planungsprozessen als auch in der künftigen Bildungsarbeit des Zentrums. Es will junge Leute ermutigen, selbst aktiv zu werden und »mitzumischen«.

Brückenschlag. Wir fördern und unterstützen selbst initiierte Projekte junger Leute und bieten darüber hinaus Maßnahmen sowie Veranstaltungen zu historischer Jugend- und zur Demokratiebildung an. Hier liegt der Schwerpunkt in der Aufklärung und dem Engagement gegen Rechtsextremismus und Neofaschismus. Der Kontakt und das Zusammenwirken mit jungen jüdischen sowie arabischen Leuten in München und Israel ist ein weiteres Feld unserer Aktivitäten. Diese Schwerpunkte der Fachstelle stehen in einem engen Bezug zueinander und bilden eine Brücke von der Auseinandersetzung mit NS-Vergangenheit zur Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen und Problemlagen der Gegenwart.
Die Vollzeitstelle des Projektes trägt der KJR durch interne Umschichtungen bisher noch allein. Wir arbeiten aber daran, sie künftig auch durch externe Fördermittel zumindest teilfinanzieren zu können.

Erinnern an den NS-Terror und Gedenken an seine Opfer sind in Jugendringen schon aufgrund ihrer Entstehung und ihrer Strukturen als Arbeitsgemeinschaften freier, demokratischer Jugendverbände fest verankert. Doch diese Erinnerungsarbeit ist im Wandel. Der wachsende Abstand junger Generationen zur NS-Zeit und die Tatsache, dass sie kaum noch mit Zeitzeugen sprechen können, stellen die historisch-politische Bildungsarbeit vor neue Herausforderungen.

Hinzu kommen Distanz und Widerstände Jugendlicher, sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die weit zurückliegt und für die sie sich nicht verantwortlich fühlen. Sicherlich trägt auch die schulische, durch Lehrpläne beengte Vermittlung von Faktenwissen über die NS-Zeit mit abschließenden Zensuren nicht zur Motivation bei.

Neue Wege. Gleichzeitig beobachten wir aber eine Entwicklung unter jungen Leuten, mit neuen Fragen und bislang unbeachteten Themen die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit anzugehen. Die Schulbildung spielt dabei keine Rolle. Folgende Aspekte ergeben sich aus unserer Arbeit:
• Junge Leute nähern sich der NS-Vergangenheit aus dem Blickwinkel ihrer aktuellen Lebensbezüge und -erfahrungen. Vor allem der Erkenntnisgewinn für eigene Lebensentwürfe und Handlungsmöglichkeiten, für aktuelles gesellschaftliches und politisches Geschehen steht im Vordergrund.
• Sie brauchen weniger Vorgaben sondern vielmehr Raum für eine Gestaltung ihres Zugangs zu gegenwärtigen Themen und Themen der NS-Vergangenheit. Dafür benötigen sie Unterstützung, vor allem aber auch Toleranz dafür, was und wie sie »lernen« wollen und wie sie die Erkenntnisse später umsetzen.
• Das Wissen um die Entwicklung und Terror-Herrschaft des Nationalsozialismus ist grundlegend wichtig, aber häufig nur sehr lückenhaft vorhanden. In Projekten kann es auf lebendige und entdeckende Weise (wieder) erarbeitet werden.
• Ganz grundsätzlich: Erinnerungsarbeit darf nicht lähmen, sondern muss zu Handlungsfähigkeit führen.

Kick it like Kurt. Ein gutes Beispiel dafür ist unser jüngstes und bislang längstes Projekt, der Dokumentarfilm »Kick it like Kurt«. Im Mittelpunkt steht Kurt Landauer, der langjährige jüdische Präsident des FC Bayern München. Die Idee zum Projekt kam von jungen Leuten, die den Film in Eigenregie im Zeitraum von etwa anderthalb Jahren (!) realisierten. Der Film eröffnet ein Kapitel der Erinnerungsarbeit, das in der Öffentlichkeit – selbst unter Bayern-Fans – nahezu unbekannt ist.
Die Fachstelle übernahm im Projekt die klassischen Aufgaben eines Filmproduzenten: von allen organisatorischen Anforderungen über Drehgenehmigungen bis zur Einwerbung finanzieller Mittel. Das NS-Dokumentationszentrum stand als Kooperationspartner dem jungen Filmteam wie dem KJR mit wissenschaftlichem Rat und finanzieller Unterstützung zur Seite.
Entstanden ist ein geradezu professioneller Dokumentarfilm von etwa 50 Minuten Länge. Er zeigt am Beispiel der gemeinsamen Erfolgsstory von Kurt Landauer und seinem Club, dem FC Bayern München, dass es den jungen Leuten um das heutige Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen geht, um demokratische Werte, Weltbürgertum, Toleranz und Solidarität. In dem Film »Kick it like Kurt« treten Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog.

Der Projektprozess war dabei mindestens genauso wichtig wie das erfolgreiche Ergebnis. »Lernen« vollzieht sich in unterschiedlicher Weise: bei diesem Filmprojekt von der persönlichen Entwicklung und Zusammenarbeit im Team über den Erwerb von technischen sowie inhaltlichen Kompetenzen im »Dokumentarfilmen« bis hin zum Interviewen, Recherchieren und Konzipieren. Darin eingebettet ist das Erarbeiten von historischen Fakten und Zusammenhängen der NS-Zeit: Wann, wo und durch wen die »Rassegesetze« erlassen wurden, was »Nazifizierung« von Organisationsstrukturen (hier am Beispiel der Sportvereine) bedeutete oder in welch unterschiedlichen Facetten sich resistentes Verhalten gegen die NS-Machthaber ausdrückte (hier am Beispiel des FC Bayern und einigen seiner Spieler), darüber muss die jungen Filmemacher/innen bestimmt niemand mehr aufklären.


Info

Zeitgeschichtliche Projekte
Träger:
Kreisjugendring München-Stadt
Laufzeit: seit 2008 fortlaufend
Kontakt: Kreisjugendring München-Stadt | Fachstelle Zeitgeschichtliche Projekte | Sylvia Schlund | Paul-Heyse-Str. 22 | 80336 München | Tel.: (089) 51 41 06-33 | s.schlund@kjr-m.de | www.kjr-m.de