Von Marek Neu, Hamburg
Ein Sonntagvormittag Ende September im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg: Die Straßen präsentieren sich ruhig, Kioske, Bäckereien und Waschsalons sind wenig besucht – alle genießen das Wochenende. Wer mit aufmerksamem Blick unterwegs ist, bemerkt Graffitis und Plakate, die auf die Präsenz verschiedener politischer Gruppen im Viertel hinweisen. Eine dieser Gruppen ist die Sozialistische Jugend Deutschlands (Die Falken), die gemeinschaftlich mit dem Internationalen Jugendverband (IJV) einen offenen Jugendtreff in der Fährstraße betreibt.

( Der neue Treffpunkt – noch mit alten Schildern ) ( Fotos © SJD – Die Falken )
Erste Eindrücke. Von außen recht unscheinbar verbirgt sich hinter der breiten Fensterfront ein rustikaler Gemeinschaftsraum, der mit Kickertisch, Spieleregal und einem Bartresen ausgestattet ist. Provisorisch liegen auf Tischen Marktkästen mit frisch gespülten Tellern, bedruckten T-Shirts und Transparenten. In der Küche, die sich weiter hinten befindet, hat sich schon eine kleine Gruppe zusammengefunden: Heute soll die Renovierung des Jugendtreffs, die seit knapp anderthalb Jahren im Gange ist, fortgesetzt werden. Hinter der zweiten Tür eröffnet sich eine staubige Baustelle, in den Ecken liegen Werkzeuge und Baumaterialien. »Die Tür nach hinten ist normalerweise geschlossen«, erklärt Liz. »Hier soll eine Veranstaltungsfläche entstehen – und weiter hinten unser Büro.« Liz engagiert sich als Jugendhelferin im neuen Treff in der Fährstraße. Was in anderen Jugendverbänden »Jugendleiter*in« heißt, nennt man bei den Falken »Jugendhelfer*in«. Damit wird signalisiert, dass zwischen den Helfer*innen und den teilnehmenden Jugendlichen keine absteigende Hierarchie herrschen soll. Und weil das im Verband umfassend gelebt wird, ist Liz auch aktive Handwerkerin im Renovierungsprozess. Denn dieser Renovierungsprozess ist weitgehend kein Auftrag an professionelle Dienstleister – sondern Teil gelebter Jugendverbandsarbeit. Gemeinsam wird diskutiert, geplant und renoviert. Das dauert zwar länger als eine Auftragsarbeit, aber so entsteht etwas Gemeinsames. Von jungen Menschen für junge Menschen.

Ein Ort mit viel Potential. Das Haus zu renovieren sei bitter nötig gewesen, sagt Liz und deutet auf frisch verputzte Wände. »Überall war Schimmel, die Wände waren schwarz. Zudem hing in allen Räumen noch dieser ekelhafte Rauchgeruch«. Der Vormieter hieß zwar Jugendtreff e.V., doch es war eher ein Männertreff, in dem richtig »gequarzt« wurde. Wer Orte für Jugendverbandsarbeit sucht, darf jedoch nicht wählerisch sein. Finanzierbare Räume seien äußerst rar, und die Lokalität in der Fährstraße, so Liz, habe sich angeboten, weil der Vermieter sie an eine nichtkommerzielle Kulturinitiative vergeben wollte. Gemeinsam mit dem Landesjugendamt hat man dann über Konzeption und Finanzierbarkeit gesprochen. »Die Bedingung war dann halt nur, dass wir uns mit dem Internationalen Jugendverein zusammentun und den Raum gemeinschaftlich nutzen«, erklärt Antonia, die im Landesvorstand ist und heute auch mit anpackt. Die beiden Jugendverbände nutzten den Raum allerdings getrennt mit eigenen Programmen. Nur bei großen Entscheidungen, die beide Parteien betreffen (wie z.B. bei der Renovierung), stimme man sich gemeinsam ab.

Angebote im Aufbau. Obwohl hier längst noch nicht alles fertig ist, läuft der Betrieb im Jugendtreff bereits gut an: Jeden ersten Montag im Monat kommen hier Mädchen und queere Jugendliche zum LOTTA-Treff zusammen, und alle zwei Wochen am Dienstag findet die »Offene Tür« statt, die allen Jugendlichen aus dem Stadtteil – ohne Verbandszugehörigkeit – offensteht. Zudem bilden sich derzeit Jugendgruppen zu verschiedenen Themen. Die Jugendhelfer*innen der Falken begleiten die Angebote ehrenamtlich. Dies stellt den entscheidenden Unterschied zu anderen Jugendtreffs wie den Häusern der Jugend dar, denn dort arbeiten jeweils fest angestellte Sozialpädagog*innen und kümmern sich um Angebote für Jugendliche. Hier in der Fährstraße hingegen gilt: Bitte alles selber machen. Das braucht Anlaufzeit, erklärt Liz und hofft, dass noch mehr Stadtteilgruppen sich eigeninitiativ im Raum gründen würden.

Aktiv seit über 120 Jahren. Die Fährstraße ist jedoch nicht die einzige Stätte, an denen die Falken tätig sind. Die Sozialistische Jugend Deutschlands hat ihre historischen Wurzeln in der Arbeiterjugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Direkte Vorläufer der Falken waren in der Zeit der Weimarer Republik die Sozialistische Arbeiterjugend und die Kinderfreunde Deutschlands. Nach der NS-Zeit gründeten sie sich neu und übernahmen dabei den bereits zur Weimarer Zeit kursierenden Namen »Die Falken«. Mit der deutschen Einheit folgten weitere Ableger in den neuen Bundesländern. Der Verband ist international vernetzt, so in der internationalen Falkenbewegung und der Sozialistischen Jugendinternationalen. Im Sommer veranstalten die Hamburger Falken jedes Jahr ein großes Zeltlager. Dabei geht es meist auf die Nordseeinsel Föhr und alle zwei Jahre an einen Ort anderen in Deutschland. Auf den Freizeiten wird dann viel Wert auf Gruppenerlebnisse gelegt. Es wird gemeinsam gekocht, gespielt und gelacht.
Antifaschismus in Zeiten des Rechtsrucks. Eine Bedrohung sehen die Falken im gesellschaftlichen Rechtsruck, der auch junge Menschen betrifft. »Die Hamburger AfD stellte zuletzt bei den Haushaltsberatungen in der Bürgerschaft den Antrag, uns und anderen linken Gruppierungen staatliche Fördergelder zu streichen. Das wurde jedoch von den anderen Fraktionen abgelehnt«, berichtet Antonia. Im Umgang mit Jugendlichen versuche man stets die Ansichten des Gegenübers zu respektieren, auch wenn man sie nicht immer teile. »Manchmal ist eine Aussage aber auch einfach falsch, da trete ich selbstverständlich korrigierend ein«, sagt Liz. In ihrer Jugendverbandsarbeit wollen die Falken Demokratie als Lebensform vermitteln – beispielsweise durch konkrete Erfahrungen der Selbstorganisation auf den Zeltlagern und bei den dort regelmäßig tagenden Delegiertenräten.
Blick nach vorn. Auch wenn die Jugendhelfer*innen allesamt schon (jung)erwachsen sind, machen sie ständig neue Erfahrungen und lernen Neues dazu. »Niemand von uns hat hier irgendwelche Handwerks-Skills mitgebracht«, sagt Antonia. Und Liz ergänzt: »Am Anfang dachten wir, man könne den gesamten Bauprozess im Vorfeld planen. Dann zeigte sich schnell, dass das nicht geht«. Alle spüren etwas Überforderung bei der Renovierung, doch gleichzeitig sei es »krass zu sehen, was die Leute hier zustande bringen«. Antonia stellt in Aussicht, dass man den Jugendtreff bis zum Ende des Jahres fertig hergerichtet habe. »Der Staub auf den Möbeln soll nicht bleiben«, blickt sie motiviert in die Zukunft.
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Info
Der Treffpunkt in Wilhelmsburg
Fährstraße 13, 21107 Hamburg
SJD – Die Falken Hamburg
www.falken-hamburg.de
Internationaler Jugendverband Hamburg
www.instagram.com/ijv_hamburg