Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 1-2021, Rubrik Titelthema

Was läuft? Was nicht? Was anders?

Jugendverbandsarbeit in Hamburg unter Pandemiebedingungen – Ergebnisse einer LJR-Umfrage

Von Fatih Ayanoğlu und Jürgen Garbers, Landesjugendring Hamburg

Der Landesjugendring Hamburg bietet seinen Mitgliedern während der Coronapandemie die Möglichkeit zum Austausch über aktuelle Entwicklungen und deren Herausforderungen für die Jugendverbandsarbeit. In digitalen Meetings werden Erfahrungen ausgetauscht, Pro-bleme diskutiert, Lösungen gesucht und konstruktive Forderungen an Politik und Verwaltung formuliert. Damit nicht genug. Eine Umfrage zum letzten Treffen im Februar gibt Einblick über die laufenden Aktivitäten trotz und mit der Pandemie. 

Eins vorweg. Die nachfolgenden Umfrageergebnisse sind nicht repräsentativ für die Aktivitäten Hamburger Jugendverbände unter Pandemiebedingungen. Die Online-Umfrage mit 13 Fragen richtete sich an Delegierte der Mitgliedsverbände im Landesjugendring und wurde von 30 Akteuren beantwortet. Da die im LJR zusammengeschlossenen Jugendverbände (einschließlich ihrer eigenen Untergliederungen) die großen und wirkungsmächtigen Akteure in der Szene abbilden, sind die Ergebnisse der Umfrage aber zumindest als deutlicher Fingerzeig dafür zu verstehen, wie sich Jugendverbände in Hamburg auf die Pandemiebedingungen eingestellt haben. Und zur Erinnerung : Die letzten Eindämmungsverordnungen des Hamburger Senates aus 2020 und 2021 haben Jugendverbandsarbeit ausdrücklich vom in weiten Teilen geltenden Lockdown ausgenommen und unter dem Vorbehalt strenger Hygieneregeln für möglich erklärt. Wie sind die Hamburger Jugendverbände damit umgegangen? Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage werden nachfolgend dokumentiert.

Nicht überraschend. Die nun schon lange währende Pandemie lastet auf den Gemütern nicht nur junger Menschen. Bei der Umfrage erklären 67 % der Befragten, dass die Coronopandemie als sehr belastend und 33 % als belastend von Kindern und Jugendlichen empfunden wird. Vor allem fehle der soziale Kontakt mit Freunden und Gleichaltrigen, die Gemeinschaft und das Miteinander. Darunter leiden Zuversicht und Zukunftsperspektiven. Beklagt wird, dass durch das Fehlen von Freiräumen und elternfreier Zeit Jugendliche und Kinder das Gefühl haben, weniger »gehört und gesehen« zu werden. Zudem fehlen vielen ruhige Orte zum Lernen beim Homeschooling. Auf die Frage, ob Jugendverbände einen wertvollen Beitrag leisten können, die Folgen der Pandemie für junge Menschen abzumildern, zeigen sich die befragten Delegierten der Jugendverbände überaus zuversichtlich : 47 % stimmen dem vollends zu, 43 % weitgehend, nur 10 % zweifeln, ob die Angebote der Jugendverbandsarbeit helfen könnten. Doch wie sehen diese Angebote zur Zeit aus?

Was läuft? Was Jugendverbände unter Pandemiebedingungen aktuell in Hamburg anbieten, zeigt das Schaubild 1. Dabei sind interessante Verschiebungen zum »normalen« Jugendverbandsalltag bemerkenswert. Die beliebtesten und für Mitglieder erfahrungsreichsten Aktivitäten wie Freizeiten oder Wochenendfahrten sind weitgehend zum Erliegen gekommen oder finden im geringen Umfang nur vereinzelt statt. Immerhin finden Gruppentreffen zu 13 % »wie immer« und zu 47 % »vereinzelt« statt. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Ausbildungen zum/r Jugendleiter/in und Bildungsseminare mit zusammengerechnet 68 % resp. 86 % »wie immer« resp. »vereinzelt« stattfinden. Dies zeigt, dass die Hamburger Jugendverbände auch in der Pandemie ihrem außerschulischen Bildungsauftrag nachkommen. Und sie funktionieren auch weiterhin als demokratische Organisationen trotz der Krise: Vorstandsitzungen finden größtenteils regulär und Mitgliederversammlungen immerhin zu 50 % »wie immer« statt.

 
Aber wie findet das trotz Pandemie vielfältige Jugendverbandsleben statt? Schaubild 2 gibt eine eindeutige Antwort. Zu 97 % sind alle oben genannten Aktivitäten in den virtuellen Raum eingewandert, nur 3 % finden als hybride Veranstaltungen statt. Das zeigt zum einen, dass es den Hamburger Jugendverbänden weitgehend gelungen ist, notgedrungen ihre Angebote und das demokratische Verbandsleben zu »digitalisieren«. Andererseits zeigt dieser verantwortungsvolle Umgang zur Kontaktminimierung unter Pandemiebedingungen auch, dass eben »wirkliche« Freiräume für junge Menschen jenseits von Schule und Elternhaus weggefallen sind. Ein digitales Alternativangebot ist freilich besser als nichts. Und die kreativen Lösungen, von denen die befragten Delegierten berichten, um eben Juleica-Schulungen oder Gruppenstunden am virtuellen Leben zu erhalten und damit Mitgliedern den Raum zur Begegnung oder zur Ausbildung zu erhalten, sind bemerkenswert. Schaubild 3 gibt dazu einen Überblick. 

Was fehlt? Trotz aller Bemühungen um die Fortsetzung der Aktivitäten sind Jugendverbände von der Pandemie in ihrer Organisationsentwicklung negativ betroffen. Schaubild 4 zeigt zunächst, dass alle Jugendverbände – wie zu erwarten angesichts der Dauer der Pandemie – jeweils zu 100 % die fehlende Planungssicherheit und den Ausfall von Aktivitäten beklagen. Dies hat spürbare Folgen für die personelle Entwicklung der Jugendverbände. 67 % der Befragten benennen einen Verlust von Teilnehmern/innen resp. Mitgliedern und auch zu 27 % den Verlust von Teamern/innen. Immerhin konnten bislang finanzielle Risiken bei der großen Mehrzahl der Verbände abgewendet werden – dies sicher auch dank der flexiblen Ausgestaltung des Landesförderplans. Je länger die Pandemie jedoch andauert, verlieren die digitalen Alternativangebote zum »normalen« Verbandsleben an Zugkraft. Schaut man dazu auf die einzelnen Aussagen, die im Schaubild 4 unter den 40 % zu »Außerdem« zusammengefasst sind, ergeben sich Anhaltspunkte. Vom »digitalen Overkill« oder von der Online-Müdigkeit bei jungen Menschen ist häufig die Rede, ebenso von der Schwierigkeit, gewohnte Angebote ins Digitale zu übersetzen. Auch vermittelten Online-Meetings schließlich doch kein Gemeinschaftserlebnis. Und hervorhebenswert zudem : Bei den meisten digitalen Angeboten fehle die Möglichkeit, Einstiegsmöglichkeiten für neue Leute zu schaffen. Der Mitnahmeeffekt durch Freunde, das Reinschnuppern neuer Leute bei einer Gruppenstunde, fällt im virtuellen Raum schlichtweg flach …

Exkurs. Wozu bräuchten Jugendverbänden in dieser Zeit dann noch Jugendleiter/innen – zumal neu ausgebildete, wenn die Aktivitäten ins Netz abgewandert sind? Wären nicht eher Online-Experten gefragt und auszubilden? Leute mit Know-how über spannende digitale Spielideen zum Aufpeppen des virtuellen Raum? Fraglos haben viele Multiplikatoren in den Jugendverbänden im letzten Jahr einen Crashkurs in Sachen Online-Tools hingelegt. In den letzten punktum-Ausgaben standen immer wieder Berichte über den Erfindungsreichtum, etwas vom üblichen Verbandsleben, sei es bei den Pfadfindern, bei der Sportjugend oder bei der evangelischen Jugend, ins Digitale hinüber zu retten. Umso bemerkenswerter aber ist das Zeichen, dass viele jugendverbandstypische Ausbildungsseminare zum/r Jugendleiter/in bereits stattgefunden haben oder auf der Agenda der Verbände stehen. Beispielsweise haben die AGfJ, die Jugendfeuerwehr, das Jugendrotkreuz und eben auch der Landesjugendring Ausbildungsseminare mit den »klassischen« Inhalten, nur eben als Online-Seminar, erfolgreich aufgelegt. Die Erfahrungen der Teamer/innen mit der digitalen Seminarform sind überwiegend positiv. Klar ist, dass Gruppenprozesse und -erfahrungen unter den Teilnehmenden – wie sonst üblich und elementar für die Ausbildung – kaum in Onlinekonferenzen abgebildet werden können. Auch kann nicht die inhaltliche Tiefe bei einigen Ausbildungsinhalten wie in normalen Seminaren erreicht werden, da die digitale Seminarform die Reaktionsweisen der Teilnehmer/innen verändert und deren Spontanität verlangsamt. Gleichwohl überwiegen die positiven Aspekte. Statt auf irgendwann bessere Zeiten nach der Pandemie zu hoffen, ist zunächst bemerkenswert, dass einige Hamburger Jugendverbände die Herausforderung angegangen sind, Juleica-Kurse trotz allem aufzulegen, so für wichtigen Nachwuchs bei Teilnehmern/innen zu sorgen und damit die elementare Basis der Jugendverbandsarbeit abzusichern. Zudem zeigen die abgeschlossenen und laufenden Ausbildungskurse, dass trotz allem ein großer Bedarf an ihnen besteht. Vielleicht auch ein Aspekt der Pandemie in der Jugendverbandsszene : »Wenn schon sonst nicht viel läuft, dann mache ich wenigstens meine Juleica!« Diese kann jedoch nicht mit der Beantragung der Card abgeschlossen werden: Es fehlt die dafür notwendige Erste-Hilfe-Ausbildung. Da eine solche nur als Präsensveranstaltung durchführbar ist, heißt es zunächst einmal abzuwarten.

Ausblick. Zurück zu den Ergebnissen der Umfrage und zum letzten, spannenden Aspekt: Was planen Jugendverbände für den Sommer? Schaubild 5 zeigt: Die überwiegende Mehrheit der Jugendverbände hofft zumindest teilweise auf eine Normalisierung ihrer Arbeit und Angebote im Sommer. Und was dann laufen könnte, schlüsselt Schaubild 6 auf. Bemerkenswert ist dabei die waltende Vorsicht: Fast alle geplanten Aktivitäten stehen überwiegend unter dem Vorbehalt »besonderer Voraussetzungen«: Die Hamburger Jugendverbände treffen also Planungen für »analoge« Jugendfreizeiten, Gruppenstunden, Seminare und weiteres für den Fall, dass die Infektionszahlen deutlich herabsinken, die Impfquote steigt oder andere Infektionsschutzmaßnahmen (u.a. Schnelltests) greifen. Sie stehen also in den Startlöchern, wollen jedoch keine Aktivitäten in Präsensform realisieren, die der Einhegung der Pandemie entgegenstünden.

Fazit. Wie sind also die Jugendverbände und ihre Aktiven bislang durch die Pandemiezeit gekommen? Das gesamte Bild zeigt sowohl Schattenseiten als auch Licht – und nicht allein am Ende des Tunnels. Die pandemiebedingte Auszeit vom normalen Jugendverbandsalltag greift durchaus an die Substanz vieler Jugendverbände : Ohne reguläre Aktivitäten tauchen Mitglieder ab, und – vor allem – es kommen keine neuen hinzu. Dadurch ist der jugendtypische Wandel innerhalb der Verbände – durch den Zyklus: Ältere scheiden aus, Jüngere rutschen rein – ins Stocken geraten. Positiv stimmt jedoch, dass die Jugendverbände die Krise ihre gewohnten Aktivitäten sehr kreativ durch Alternativangebote aufgefangen haben, Bildungsangebote laufen und angenommen werden. Und das Beste: Trotz zwangsläufigem Schub an Digitalisierung könnten im Sommer wieder gewohnt »analoge« Angebote wie Ferienfreizeiten im Vordergrund stehen.