Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 3+4-2018, Rubrik Vielfältige Jugendarbeit

JAV fantastisch

ver.di Jugend vor Ort: die Jugend- und Auszubildendenvertretung in der Gasnetz Hamburg GmbH

Von Oliver Trier, Hamburg

Das Unternehmen Gasnetz Hamburg versorgt viele Haushalte der Stadt mit Erdgas und bildet junge Leute aus. Um die Interessen der Auszubildenden im Betrieb kümmert sich eine Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), die dabei von dem Betriebsrat und der ver.di Jugend unterstützt wird. Wie das zusammenpasst, soll ein Ortsbesuch klären.

Hamburg, Tiefstack. Industrieelle Zweckbauten treffen auf das Elbidyll der Billwerder Bucht. Zwischen S-Bahn und Elbe liegt der Hauptsitz des städtischen Gasversorgers Gasnetz Hamburg. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist gut: Mit der S-Bahn geht es zum Hauptbahnhof und im Sommer mit dem Bus zum Baggersee. Meistens ist die S 21 allerdings entweder verspätet, überfüllt oder beides. Vor Ort angekommen sorgen rund 480 Mitarbeiter/innen für einen zuverlässigen Betrieb des Gasnetzes. Hier geht es nicht um Jugendarbeit, hier arbeiten junge Menschen. Denn von den 480 Mitarbeiter/innen sind im Moment 54 in einer Ausbildung. Doch weil die Azubis, Studierenden und Praktikanten/innen schon Teil der Arbeitswelt sind, verfügen sie über eine eigene Interessenvertretung: die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV). Eine Art Betriebsrat für junge Menschen.

In Tiefstack gehören sechs junge Menschen zur JAV.* Drei von ihnen kommen Anfang November mit Anna, der Jugendsekretärin der ver.di Jugend, zu einer JAV-Sitzung im sogenannten Azubi-Raum zusammen. Es wird ihre letzte gemeinsame JAV-Sitzung sein. Denn in der folgenden Woche endet für Marcel, Marina und Merle die laufende Amtszeit, und die Gasnetz-Azubis wählen eine neue Vertretung. Marcel und Merle haben ursprünglich beide Anlagenmechaniker/in gelernt. Marina hatte sich für eine kaufmännische Ausbildung entschieden. Zu dem scheidenden Team gehören auch Yeqi, Skalde und Christian, die jedoch verhindert sind.

Rückblick. Die drei Interessensvertreter/innen wirken zufrieden mit dem, was sie in den letzten zwei Jahren erreicht haben. »Der Azubi-Raum war auf jeden Fall ein Erfolg unserer Amtszeit«, meint Merle. »Den haben wir in Eigenregie gestrichen und eingerichtet aus Möbeln, die im Unternehmen vorhanden waren.« Am Anfang habe der Wunsch nach einem festen Ort gestanden, an dem die JAV tagen konnte. Doch Räume auf dem Betriebsgelände zu finden, sei gar nicht so leicht gewesen. »Da kam der Ausbildungsleiter mit der Idee auf uns zu, diesen Raum auch für unsere Zwecke zu nutzen, aber nicht nur als festen Ort für unsere Sitzungen – sondern als Ort, der allen Auszubildenden zur Verfügung steht«, erinnert sich Marcel. Dementsprechend tagt nun nicht nur die JAV im Azubi-Raum, sondern alle Azubis können sich hier auf anstehende Prüfungen vorbereiten, sich austauschen, ihre Projektarbeiten vorbereiten oder einfach ihre Mittagspause genießen. Für die Sitzungen und Prüfungsvorbereitungen steht ein langgezogener Tisch in der Mitte. Im ersten Stock gelegen, spendet eine breite Fensterfront großzügig Sonnenlicht. Kicker und Billardtisch vor dem Raum reichern die Optionen der Freizeitgestaltung an, während im Erdgeschoss eine Sporthalle für den Betriebssport zur Verfügung steht.

Aufgabe. Sobald es in einem Unternehmen mehr als fünf Jugendliche oder Auszubildende unter 25 Jahren gibt, kann ein Betriebsrat eine JAV einrichten. So gibt es das Betriebsverfassungsgesetz vor. Die JAV achtet darauf, dass Gesetze, Tarifverträge oder Vereinbarungen, die Auszubildende betreffen, eingehalten werden. Außerdem hat sie ein Auge für die Qualität der Ausbildung. Dadurch ist sie vor allem Anlaufstelle für die Auszubildenden, wenn sie Rat und Hilfe brauchen oder Verbesserungsvorschläge haben.

Als JAV haben sich Marcel, Marina und Merle mit ihren drei Kollegen alle zwei Wochen getroffen. »Immer zwischen den Betriebsratssitzungen, zu denen eine/r von uns gegangen ist«, erzählt Marcel. »Wenn wir Veranstaltungen planten, haben wir uns oft auch jede Woche getroffen.« Auf den Sitzungen diskutierten sie, was für die Azubis wichtig sei oder sein könnte, oder planten Angebote und Veranstaltungen. Dazu gehören der Mitbestimmungstag, die Jugend- und Auszubildendenversammlung (JA-Versammlung), das Azubi-Frühstück oder eine Weihnachtsfeier. »Beim Mitbestimmungstag klären wir die Auszubildenden über ihre Mitbestimmungsrechte auf und stellen uns als JAV, den Betriebsrat und die Gewerkschaft vor«, schildert Marina. Die Azubi-Frühstücke dagegen seien kleine JA-Versammlungen zwischendurch. Sie dienen dem schnellen und unkomplizierten Austausch zwischen Auszubildenden und JAV. Denn eine JA-Versammlung dauere in der Regel einen ganzen Tag und brauche viel Vorlauf. »Darüber hinaus kommen wir auch zu den Azubis an die Arbeitsplätze«, ergänzt Merle. »Wir machen alle zwei bis drei Monate eine Begehung. Genauso oft fahren wir auch in die Berufsschule und in die Lehrwerkstatt. Wird dabei ein Anliegen an den JAV herangetragen, prüfen wir als erstes, ob es eine umgehende JAV-Sitzung braucht. Danach vermitteln wir zwischen den betroffenen Personen, um eine Lösung für das Problem zu finden.« Erfahrungsgemäß lasse sich durch das gute Miteinander von Arbeitgeber und Betriebsrat für jedes Problem eine Lösung finden.

Engagement und ver.di Jugend. Ehrenamtlich engagiert hätten sich die drei bis zu ihrer Wahl in die JAV nicht. Klassensprecher/in seien sie gewesen. »Aber nur ein Jahr«, wie sie unisono berichten. Marina und Merle seien zu Schulzeiten bei Jugendgruppen gewesen oder im Verein geschwommen und auf Wettkämpfe gefahren – aber ohne Verantwortung zu übernehmen. Ähnlich stand es um ihre Erfahrungen mit Gewerkschaften. »Ich bin durch die JAV zur Gewerkschaft gekommen. Vorher hatte ich keinen Kontakt dazu. Es war etwas komplett Neues, was so vorher nicht da war«, erklärt Marcel. Merle sei an ihrem ersten Tag der Ausbildung der Gewerkschaft beigetreten, weil sie interessant fand, was ver.di zu berichten hatte. Als JAV habe sie die Gewerkschaft noch mehr schätzen gelernt: »Die ver.di Jugend bietet sehr viel und unterstützt uns immer.« Die Interessensvertreter/innen könnten sich beispielsweise auf JAV-Seminaren fortbilden und sich mit anderen Azubivertreter/innen austauschen. Für Anna, der ver.di Jugendsekretärin, gibt es gute Gründe für den Einsatz der Gewerkschaftsjugend: »Die JAVen sind wichtig für uns als Jugendverband, weil sie an den Auszubildenden dran sind und mitbekommen, wie es läuft. Über die Zusammenarbeit mit der JAV wollen wir die Gewerkschaft im Betrieb verankern, die Auszubildenden über ihre Rechte und Möglichkeiten informieren und für mögliche Streik-Aktionen motivieren. Das geht am besten, wenn wir sie auch für die Gewerkschaftsjugend gewinnen.«

Motivation. »Ich bin da irgendwie reingerutscht«, erinnert sich Marina schmunzelnd. Den ersten Anstoß habe eine Kollegin aus dem Betriebsrat gegeben. Die sei auf sie zugegangen und habe sie ermutigt, sich auf die Wahlliste zu setzen. Bereut habe Marina es nie. Vielmehr sei sie heute auch im Landesbezirksjugendvorstand der ver.di Jugend und als Jugendvertreterin in die Energiegruppe gewählt worden. »In Zukunft könnte ich also mit den Arbeitgebern an einem Tisch sitzen, wenn der Tarifvertrag ausgehandelt wird.«

Marcel und Merle hätten sich zunächst kaum mit der JAV befasst. Schon gar nicht mit der Möglichkeit, selbst zu kandidieren, berichtet Marcel. Der entscheidende Impuls kam auch bei ihnen von außen. Es seien aber Ausbilder gewesen. »Daraufhin haben wir darüber nachgedacht und es für ziemlich interessant empfunden, weil es etwas vollkommen Neues war«, erzählt Marcel. »Wir wollten uns für die Azubis einsetzen und für sie da sein«, meint Merle. Dass die JAV die Möglichkeit habe, sich aktiv für Verbesserungen der Ausbildung einzusetzen, habe sie sehr gereizt. »Wir waren ja selbst noch in der Ausbildung.«

Ausblick. Zwei Jahre später will sich Marcel noch einmal um das Vertrauen seiner jungen Kollegen/innen bewerben. »Die Arbeit ist sehr interessant und abwechslungsreich, vor allem aber etwas ganz anderes als meine Arbeit im technischen Bereich«, erklärt Marcel seine Entscheidung zur erneuten Kandidatur. Er habe es sich nicht leicht gemacht. Denn bei all der Abwechslung bedeute die Arbeit auch einen enormen Aufwand. Schließlich sei er nicht mehr in seiner Ausbildung und müsse seinen eigentlichen Aufgaben nachkommen. Doch bislang habe er vom Unternehmen Unterstützung erfahren und sei zuversichtlich, dass sich bei guter Planung seine Verantwortung als JAV nicht mit seinen eigentlichen Aufgaben beißen werde. Auch Merle hätte durchaus Lust, sich weiter in der JAV zu engagieren. Da sie aber inzwischen am zweiten Standort in Altona arbeite und sich in ein neues Aufgabenfeld einarbeiten müsse, sei ihr die Belastung bedauerlicherweise zu hoch. Marina hadert dagegen mit einem anderen Problem: »Ich würde mich gerne noch einmal aufstellen lassen, aber es geht nicht aufgrund meines Alters.« Das Betriebsverfassungsgesetz regelt nämlich auch, wie alt die Kandidaten/innen sein dürfen – und nur wer jünger als 25 ist, gilt als »wählbar«.

Persönliches Fazit. Die drei Interessensvertreter/innen sind davon überzeugt, dass die letzten zwei Jahre sie auch persönlich weitergebracht hätten. »Vor einer großen Gruppe zu sprechen, das lag mir überhaupt nicht«, erklärt Merle. »Aber das habe ich gemeistert und bin offener und selbstbewusster geworden durch die JAV-Arbeit. Ich bin auch reifer geworden und stolz auf alles, was wir erreicht haben.« Marina habe gelernt, selbstbewusst ihre Stimme vor Leuten zu erheben und auch einmal »Nein« zu sagen. Beeindruckt habe Marcel darüber hinaus, wieviel Planung und Hintergrundarbeit notwendig sei, um größere Veranstaltungen zu planen: »Das war ein richtiger Aha-Effekt zu sehen, wieviel Arbeit da drinnen steckt.« Schöne Erinnerungen habe sie auch an die JAV-Seminare der ver.di Jugend, ergänzt Merle. »Da hat man echt viel gelernt und hatte als Gruppe viel Spaß. Aber nun werden wir den neuen Azubis den Vortritt lassen.«

JAV fantastisch. Ohne JAV geht es nicht. Am 12. November fand die Neuwahl statt. Aus der alten Vertretung hatte sich Marcel wieder zur Wahl gestellt und gehört auch der neuen JAV an. Die Arbeit geht weiter.


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* Vom Prinzip her stünden den Auszubildenden bei Gasnetz Hamburg nur 5 JAV-Plätze zu. Durch den Rückkauf des Gasnetzes durch die Stadt und der damit zusammenhängenden Fusionierung unterschiedlicher Unternehmensteile stießen Anfang des Jahres auch Auszubildende aus Quickborn zu dem Unternehmen in Tiefstack. Für diese wurde für die laufende Amtszeit der JAV ein zusätzliches Gastmandat vereinbart. Mit der Wahl am 12. November lief dieses Gastmandat aus, und die neue JAV besteht aus 5 Mitgliedern.


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Info: ver.di Jugend Hamburg | Besenbinderhof 60 | 20097 Hamburg |T. (040) 89 06 15-330 | jugend.hamburg@verdi.de | jugend-hamburg.verdi.de

Gasnetz Hamburg
Die Gasnetz Hamburg GmbH ist ein städtisches Unternehmen und betreibt das Erdgasnetz in Hamburg. Im September 2013 hatte ein Volksentscheid beschlossen, die Netzgesellschaften für Strom, Gas und Fernwärme wieder in kommunalen Besitz zu übernehmen. In der Folge hat die Stadt das Gasnetz von E.ON Anfang des Jahres wieder zurückgekauft.

Wirkungsstätte: ver.di Jugend Hamburg