Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2016, Rubrik Kommentar

Zwischen Kindern und Erwachsenen: »Die Jugenden« von heute müssen ins Blickfeld!

Martin Helfrich, LJR-Vorsitzender

Jugend, das ist die Zeit, in der wir so frei sein können wie nie wieder. In der wir geprägt werden für unser Leben, Lernen, Reisen und Arbeiten. Und mehr Raum haben zum Ausprobieren, Grenzen testen und Sich-Engagieren als jemals wieder.

Jugend, das ist aber auch die Zeit, in der wir schon mit voller Wucht die Härten des Erwachsenenlebens zu spüren bekommen: Druck von allen Seiten, unsichere Perspektiven am Arbeitsmarkt, geringe Bezahlung bei prekären Bedingungen in den ersten Jobs, Sorge um die Altersvorsorge. Woher die Zeit nehmen für das Engagement im Jugendverband, das mich eigentlich trägt? Soll ich viel Geld ausgeben und Schulden machen für bestmögliche Bildung? Wie viel Mobilität und Flexibilität muss ich an den Tag legen? Welchen Platz haben soziale Beziehungen?

»Die Jugend« von heute, das sind längst »die Jugenden«: Verschiedene Lebenswelten, Herkunftsmilieus und sozioökonomische Startvoraussetzungen schaffen höchst unterschiedliche und nicht immer gerecht verteilte Chancen für das Leben junger Menschen.
Zugleich ist diese Lebensphase von vielen Umbrüchen geprägt: Die einsetzende Pubertät, das aktive Wahlrecht, Führerschein, Volljährigkeit, die erste eigene Wohnung, Berufseinstieg und Partnerschaften lassen alles im Wandel sein und stellen regelmäßig die Welt Jugendlicher auf den Kopf.
Wer gute Jugendpolitik machen möchte, geht darauf ein – indem Politik Partei ergreift zugunsten junger Menschen, Freiräume schafft, Übergänge gestaltet, Mitbestimmung und Selbstfindung ermöglicht. Politisches Handeln ist an der Frage auszurichten, wie das Leben junger Menschen gelingen kann – nicht an Ressortgrenzen und Ausschusszusammensetzungen.

Das Klein-Klein überwinden.
Weil Jugendpolitik bislang häufig trotzdem unterging – zwischen KiTa und Familienpolitik, zwischen Ganztag und Schulzeitverkürzung – und immer nur in anderen Arenen verhandelt wurde, gibt es die Idee einer Eigenständigen Jugendpolitik. Damit wird ein Politikansatz bezeichnet, der die Interessen und Bedürfnisse von jungen Menschen zwischen zwölf und 27 Jahren in den Mittelpunkt ressortübergreifenden politischen Handelns stellt. In einer Strategie werden dazu verschiedene Maßnahmen beschrieben und Legislatur übergreifend realisiert. Außerdem hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag einen Jugendcheck vereinbart. Denn Abgeordnete, Regierung und Verwaltung sind gleichermaßen in der Pflicht, die Folgen des eigenen Handelns für junge Menschen kritisch zu überprüfen und hinterfragen. Dieses Versprechen muss noch innerhalb dieser Legislaturperiode eingehalten und der Check eingeführt werden!

Bestmögliche Rahmenbedingungen für Jugendliche zu schaffen – dafür haben wir viele Argumente auf unserer Seite, nicht zuletzt den demographischen Wandel. Denn »was gut ist für junge Menschen, das ist auch wichtig für die Zukunft und Entwicklung unseres Landes«, sagt Caren Marks, MdB und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesjugendministerium.
Auch Hamburg braucht Gute Jugendpolitik – damit wir den Blick aus dem Tagesgeschäft heraus gemeinsam auch auf die großen Fragen richten können.

Die Bedeutung der Lebensphase Jugend ist gar nicht zu überschätzen. Das weiß Jede und Jeder, wenn man bloß auf die eigene Biographie zurückblickt: Wer findet da bei genauerem Nachsehen nicht ein spannendes Zeltlager mit Geschichten am Lagerfeuer, gruseligen Nachtwanderungen, erlebnisreichen Wanderungen, sportiven Highlights – oder eine Fahrt in bisher unbekannte Länder, eine Begegnung mit Menschen anderer Nationalität, die zu Freunden wurden, oder, oder, oder.

Dass Ferienfreizeiten gut sind für junge Menschen, dafür legen verschiedene Kollegen/innen in dieser punktum fundierte Belege vor. Nicht jede positive Wirkung von Jugendverbandsarbeit kann überhaupt empirisch erfasst werden. Verschiedene Studien unternehmen gleichwohl den Versuch. Cora Hermans et al. präsentieren eine profunde Grundlage für den Nutzen, der hier entsteht, und resümieren, dass es eine angemessene Absicherung für Maßnahmen der Jugendverbandsarbeit geben muss.
Die daraus resultierenden Forderungen, die wir uns inhaltlich zu Eigen machen, sind also kein Budgetargument – sie sind Politikberatung aufgrund von langjähriger Praxiserfahrung und wissenschaftlicher Evidenz.