Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2013, Rubrik Titelthema

Ein beschleunigtes Jugendalter als Herausforderung für Jugendverbände

Empirische Hinweise aus der Studie »Keine Zeit für Jugendarbeit!?«

Von Mirja Lange und Karin Wehmeyer, Technische Universität Dortmund

Ausgangslage: Jugend(-arbeit) unter Druck
»Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! […] Das ist die Zeit, in der ich Karl-Heinz Rummenigge und Boris Becker war. In der ich zum Golfplatz radelte und mit einem flinken Griff durch den Zaun eine Handvoll Bälle klaute, weil ich das für rebellisch hielt. In der ich mir ein Segelboot aus Holz baute, das dann leider auseinanderfiel. […] Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt es« (Sußebach 2011).

Mit diesen eindringlichen Worten verdeutlicht der Zeit-Redakteur Sußebach in dem inzwischen prominent geworden Artikel »Brief an Marie« einen wesentlichen Unterschied zwischen den zeitlichen Gegebenheiten seiner eigenen Jugend und der gegenwärtigen Jugendphase seiner Tochter. In den letzten Jahren haben sich die Bedingungen und Strukturen des Aufwachsens und damit die Anforderungen an junge Menschen, bedingt vor allem durch gesellschaftliche Beschleunigungsprozesse (vgl. Rosa 2005), zum Teil erheblich verändert. Wandlungen von Zeitverhältnissen in Richtung Beschleunigung und Verdichtung zeigen sich zwar in unterschiedlichen Lebensbereichen, wie z.B. in Arbeitsabläufen oder auch im Alltag von Familien, sie wirken sich jedoch besonders auf die institutionellen Bedingungen in Kindheit und Jugend aus: »Normen und Ideale von Bildung und Erziehung verschieben sich [dahingehend], institutionelle Ziele und Kompetenzen ›früher‹, ›schneller‹ und ›effektiver‹ zu erreichen« (King/Busch 2012, S. 10). Entsprechend wird die gegenwärtige Jugend in den letzten Jahren in der Presse häufig als »Generation Turbo« oder »Generation ohne Zeit« bezeichnet: Als eine Jugend ohne Zeit zum jung sein.

Im Zuge der Reorganisation des Bildungssystems ist es zu einer Komprimierung der Bildungsverläufe gekommen (vgl. BMFSFJ 2013). Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, die Vorverlagerung der Einschulung an Schulen sowie die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge an Universitäten haben sich für Heranwachsende mit einem höheren angestrebten Bildungsabschluss die Ausbildungs- und Studienzeiten verkürzt: Ihre Bildungslaufbahn endet lebensgeschichtlich früher. Plötzlich ist, um das plastische Beispiel des 14. Kinder- und Jugendberichts zu bemühen, ein Lebenslauf denkbar, »bei dem ein Kind im Alter von fünf Jahren eingeschult wird, im Alter von 17 Jahren Abitur macht und als Zwanzigjähriger mit Bachelor-Abschluss in eine Berufstätigkeit einsteigt, für die eine akademische Qualifikation vorgesehen ist« (BMFSFJ 2013, S.47).

Ein Beispiel, dass – wenn auch bislang eher als Möglichkeit denn als Norm – eine ungemein beschleunigte Jugend illustriert. Analog wird auch in wissenschaftlichen Kommentierungen die gegenwärtige Jugend als eine »Jugend unter Druck« skizziert – wie etwa in der 16. Shell Jugendstudie (vgl. Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010), bzw. es wird eine »Verdichtung der Jugendphase« beschrieben (vgl. Klemm 2008; Lüders 2007; Picot 2011). Kinder und Jugendliche müssen in kürzerer Zeit mehr Aufgaben bewältigen. Gleichzeitig können sie Zeitgewinne, die durch Beschleunigungsprozesse entstehen, nicht mehr zu frei verfügbaren Ruhepausen nutzen, da freie Zeit direkt in neue zusätzliche Aufgaben investiert wird (vgl. Seckinger 2009). Die Verdichtung der Jugendphase ist jedoch nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine inhaltliche: Dies gilt für die Mehrzahl der Heranwachsenden, da zudem die Lernanforderungen und Bildungserwartungen angewachsen sind, die von verschiedenen Instanzen (u.a. Schule, Arbeitsmarkt, Familie) an sie gestellt werden. Der altbekannte Satz: »Du sollst es einmal besser haben als wir«, der häufig von der Elterngeneration an Jugendliche herangetragen wird (vgl. auch King/Busch 2009), verkörpert die Leistungsanforderungen, denen sich diese gegenübersehen. Durch eine gestiegene Unsicherheit in Bezug auf die eigene berufliche Zukunft setzen sich Heranwachsende zusätzlich selbst unter Druck (vgl. auch Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010).

»Weniger als unsere Eltern und Großeltern können wir heute darauf bauen, dass unser Leben in den einmal begonnenen Bahnen weitergehen wird, nicht beruflich, nicht familiär und nicht finanziell. Die Zukunft der Gesellschaft und der Individuen erscheint mehr denn ja unbestimmbar, und Unsicherheit wird stärker bewusst und lebensbeherrschend. Zugleich wächst das Spektrum und die Menge der Optionen« (Zeiher 2008, S. 32).

Das gegenwärtige Aufwachsen wird zu einer Konstellation »riskanter Chancen« (BMFSFJ 2009, S. 45). Entsprechend ist bei Jugendlichen in den letzten Jahren laut Shell Studie (2010) ein Wandel der Werteorientierungen und Lebenseinstellungen zu beobachten: Vor allem Werte wie Leistung, Fleiß und Ehrgeiz gewinnen an Bedeutung, aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit nimmt zu. »Ressourcensicherung« steht im Vordergrund, Selbstbestimmungswerte werden zurückgestellt. Die meisten Jugendlichen reagieren auf die gesellschaftliche Lage nicht mit Protest oder Resignation, sondern erhöhen ihre Leistungsanstrengungen. Sie überprüfen ihre Umwelt auf Chancen und vermeiden Risiken (vgl. Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010).

Wenn sich die Bedingungen des Aufwachsens verändern, stellt sich die Frage, inwieweit diese Veränderungsprozesse Auswirkungen auf die Jugendorganisationen in der Bundesrepublik haben, da für die Jugendverbandsarbeit das Hineinwachsen Jugendlicher in die Organisationen und das freiwillige, gesellschaftliche Engagement von existenzieller Bedeutung ist. Der Freiwilligensurvey 2009 hat gezeigt, dass das Gesamtengagement Jugendlicher zwar nur leicht zurückgegangen ist – so engagieren sich nach dem Freiwilligensurvey 2009 immer noch 36 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahre in Verbänden, Vereinen und Institutionen –, gleichzeitig aber die Zeit, die Jugendliche für ehrenamtliches Engagement aufbringen, geringer geworden ist. Die Zahl der Hochengagierten (sechs Stunden und mehr Engagement) ist zwischen 1999 auf 2009 von 46 auf 21 Prozent gesunken (vgl. Picot 2011).

Deshalb sind die Fragen, die sich mit Blick auf die verbandliche Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland stellen: Bleibt im Leben Jugendlicher noch ausreichend Zeit für die Teilnahme und das ehrenamtliche Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit? Und haben die Jugendverbände bereits Ansätze und Ideen entwickelt, um auf veränderte zeitliche Rahmenbedingungen bzw. verändertes Freizeitverhalten von Jugendlichen einzugehen?

Studie: »Keine Zeit für Jugendarbeit!?«
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses der empirischen Studie »Keine Zeit für Jugendarbeit!?«*, die zwischen 2011 und 2013 vom Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund unter finanzieller Unterstützung der Stiftung Deutsche Jugendmarke durchgeführt wurde. Die skizzierten Fragestellungen wurden schwerpunktmäßig mithilfe einer standardisierten Online-Befragung im Frühjahr 2012 in zehn Bundesländern umgesetzt.

Befragt wurden zum einen ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende, die ihren Verband in Gremien (Vorstand u.ä.) vertreten und einen Gesamtüberblick über die Verbandsarbeit auf lokaler Ebene haben und zum anderen ehrenamtliche und nebenberufliche Mitarbeitende, die regelmäßig Aktivitäten (wie z.B. Gruppenstunden) oder zeitlich begrenzte Projekte für ihren Verband durchführen. Letztere wurden zur zeitlichen Rahmung dieser Aktivitäten und ihres eigenen ehrenamtlichen Engagements befragt.

Insgesamt nahmen 3.071 ehrenamtliche und 518 hauptberufliche Mitarbeitende der Jugendverbandsarbeit sowie 146 nebenberufliche Mitarbeitende, Praktikanten/innen und Mitarbeitende im Freiwilligendienst an der Befragung teil. Die Befragten stammen aus dem gesamten Spektrum der Jugendverbandsarbeit: aus religiös/kirchlichen Organisationen, Hilfsorganisationen, Verbänden aus dem Bereich Freizeit, Sport, Kultur, Politik, Naturschutz und Arbeitswelt/Gewerkschaft, wie auch aus Studierenden- und Schülerorganisationen.

Ergänzend zu der quantitativen Erhebung wurden qualitative Interviews mit Mitarbeitenden aus der Jugendverbandsarbeit geführt. Mittels dieser Interviews sollte der Frage nachgegangen werden, ob Jugendverbände bereits Ansätze und Ideen entwickelt haben, um auf die zeitlichen Rahmenbedingungen bzw. verändertes Freizeitverhalten von Jugendlichen zu reagieren. Insgesamt wurden anhand von Experten- und Gruppeninterviews fünf Good-Practice-Projekte der Kinder- und Jugendverbandsarbeit untersucht.

Befunde: Ein beschleunigtes Jugendalter als Herausforderung für Jugendverbände
Haben junge Menschen noch genug Zeit für die Teilnahme und das Engagement im Jugendverband? Welchen zeitlichen Umfang hat ihr ehrenamtliches Engagement eigentlich? Haben sich der Bedarf und die Nachfrage von Jugendlichen hinsichtlich der Aktivitäten Ihres Jugendverbands in den letzten Jahren verändert? Nehmen die Jugendverbände eine zeitliche Verdichtung der Jugendphase wahr? Und haben sie bereits Ansätze und Ideen entwickelt, um auf veränderte zeitliche Rahmenbedingungen bzw. verändertes Freizeitverhalten von Jugendlichen einzugehen?

Zu diesen Fragen sollen einige zentrale Ergebnisse der Studie »Keine Zeit für Jugendarbeit!?« im Überblick skizziert werden. Die Sichtweise der Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen aus Vorständen etc. (Fremdeinschätzung) wird dabei der Sichtweise der Engagierten zu zeitlichen Aspekten ihrer eigenen ehrenamtlichen Tätigkeit gegenübergestellt (Selbsteinschätzung). Die Gegenüberstellung von Fremd- und Selbstwahrnehmung gewinnt dadurch an Spannung, dass sich beide an einigen Punkten gravierend unterscheiden.

1. Veränderungen von Teilnahme und Engagement durch zeitliche Verdichtung
Eine Verdichtung der Jugendphase – so die Hypothese – nehmen auch die Jugendverbände innerhalb ihrer Arbeit wahr. Jugendlichen fehlt die Zeit, an Aktivitäten des Verbandes teilzunehmen oder sich ehrenamtlich zu engagieren.

Diese Hypothese deckt sich mit der Wahrnehmung der Verbände: Mehr als 70 Prozent der Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen aus Vorständen beklagen, dass Jugendliche nicht mehr genug Zeit haben, sich zu engagieren. 74 Prozent sind der Meinung, dass die Jugendlichen außerdem nicht genug Zeit haben, an den Aktivitäten des Verbandes teilzunehmen. Demnach wäre nicht nur das Engagement, sondern auch die weniger voraussetzungsvolle Teilnahme an Aktivitäten durch zu geringe Zeitkontingente eingeschränkt. Vor allem Verbände mit einem hohen Anteil ehrenamtlich aktiver Jugendlicher, die einen höheren allgemeinbildenden Schulabschluss anstreben oder besitzen, klagen über fehlende Zeitressourcen der Ehrenamtlichen.

In der Wahrnehmung der Verbände ist der Zeitumfang der Teilnahme und des Engagements Jugendlicher außerdem in den letzten Jahren »gefühlt« gesunken. 78 Prozent der Befragten, die bereits länger als fünf Jahre für ihren Verband tätig sind, geben an, dass sich Jugendliche in den letzten fünf Jahren in einem geringeren zeitlichen Umfang engagieren. Auch der zeitliche Umfang der Teilnahme ist nach Aussagen der Mitarbeitenden zurückgegangen.

Neben einem Rückgang der zeitlichen Ressourcen beklagen außerdem knapp Dreiviertel der ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitenden, dass das Ausstiegsalter aus dem ehrenamtlichen Engagement gesunken ist. Vor allem im letzten Jahr vor dem Ende der Schulzeit beenden viele Jugendliche ihr Engagement – voraussichtlich unter dem Druck der Abschlussprüfungen – so die Wahrnehmung eines hauptberuflichen Jugendverbandmitarbeiters im Experteninterview.

»Wir haben zunehmend Mitarbeiter/innen, die sich ziemlich jung, also mit 14 Jahren, engagieren wollen. Und dann, wenn es kurz vor das Abi geht, wird es meistens ein bisschen dünner. […] Ganz traditionell waren Schulungen eigentlich immer mit 16 Jahren. Aber da sind wir schon lange davon abgekommen, weil das Engagement früher beginnt, auch früher endet und das Bedürfnis nach Ausbildung, nach Qualifizierung ist relativ früh da (m., ev. Jugend).« (Lange/Wehmeyer 2013).

Nach der zeitlichen Rahmung des eigenen Engagements befragt, gaben die Ehrenamtlichen an, durchschnittlich sieben Stunden in der Woche im Jugendverband aktiv zu sein. Ehrenamtliche, die im Vorstand ihres Verbandes tätig sind, engagieren sich sogar durchschnittlich neun Stunden in der Woche im Verband, während Verbandsmitglieder ohne Vorstandstätigkeit knapp sechs Stunden wöchentlich für ihr ehrenamtliches Engagement verwenden. In der eigenen Wahrnehmung der Ehrenamtlichen ist das Engagement im Jugendverband grundsätzlich gut mit anderen Lebensbereichen vereinbar: Dieser Ansicht sind 75 Prozent der befragten Ehrenamtlichen. Allerdings sind nur 55 Prozent der Befragten der Auffassung, dass sie genug Zeit haben, ihre Aktivitäten (Gruppen, offene Angebote u.ä.) vor- und nachzubereiten. Außerdem fühlt sich beinahe jeder zweite Befragte (45 Prozent) von seiner Tätigkeit im Verband häufiger gestresst. Beim Stressempfinden zeigen sich große Unterschiede zwischen den hoch- und gering Engagierten: Befragte Ehrenamtliche, die weniger als 5 Stunden im Verband verbringen, fühlen sich sehr viel seltener gestresst als Hoch-Engagierte mit einem Engagementumfang von mehr als fünf Stunden in der Woche. Vier von zehn befragten Ehrenamtlichen würden gerne noch mehr Zeit als bislang im Verband verbringen. Der Wunsch nach mehr Zeit im Verband ist vor allem interessen- oder geselligkeitsorientiert: So wollen viele Ehrenamtliche (64 Prozent) zusätzliche Zeit im Verband gerne nutzen, um Fortbildungen zu besuchen oder auch, um öfter – ohne konkrete Tätigkeit – mit Personen aus dem Verband Zeit zu verbringen.

2. Veränderungen in der Verbandsstruktur durch zeitliche Verdichtung
In der Wahrnehmung der Verbände haben sich der Bedarf und die Nachfrage von Jugendlichen hinsichtlich der Aktivitäten ihres Jugendverbands in den letzten Jahren verändert: Insbesondere der Wunsch der Jugendlichen nach einer flexiblen Angebotsabstimmung und nach Angeboten mit projekthaftem Charakter ist gestiegen. Aber auch der Bedarf nach Angeboten an den Wochenenden und in den Abendstunden hat zugenommen. Bereits jetzt ist eine starke Konzentration der Aktivitäten auf das Wochenende zu beobachten. Insbesondere der Samstag ist der Tag, »auf den sich alles konzentriert«. Ein Mitarbeiter stellt im Experteninterview fest:

»Für die Jugendarbeit bedeutet das, dass mein Terminkalender am Abend und am Wochenende immer voller wird. D.h., wir haben nachmittags kaum noch Jugendgruppen und Kindergruppen, weil wir kaum noch ehrenamtliche Mitarbeiter/innen finden, die hier die Verantwortung übernehmen wollen. Wenn eine freie Zeit besteht, dann am Wochenende(m., ev. Jugend)« (Lange/Wehmeyer 2013).

Termine für gemeinsame Aktivitäten zu finden, stellt aus Sicht der Befragten ein großes Problem dar: Acht von zehn Befragten sind der Ansicht, dass die Terminfindung für Aktivitäten nicht einfach ist. Und wenn man die Entwicklung der letzten fünf Jahre betrachtet, dann zeigt sich, dass sogar neun von zehn Befragten meinen, dass die Terminfindung in den letzten Jahren schwieriger geworden sei. Gemäß diesen Aussagen ist der beobachtete Bedarf nach einer flexiblen Angebotsabstimmung nicht verwunderlich. Gleichzeitig ist aber nur ein Drittel der befragten Mitarbeitenden der Meinung, dass es dem Verband gelingt, Aktivitäten des Verbandes flexibel und kurzfristig zu organisieren.

Als eine weitere Veränderung im Verband nehmen die Befragten eine Veränderung der Verteilung von Aufgaben wahr. Hauptberufliche und ehrenamtliche Mitarbeitende sollten jeweils einschätzen, wie sich die Verteilung der Aufgaben im Verband in den letzten fünf Jahren verändert hat.** Insbesondere Hauptberufliche (42 Prozent) sind der Ansicht, der Arbeitsanteil der eigenen Gruppe habe sich in diesem Zeitraum erhöht. Außerdem meinen 35 Prozent der Hauptberuflichen auch, der Anteil der Arbeit von Honorarkräften habe sich erhöht. Bezogen auf die Veränderung des Arbeitsanteils von Ehrenamtlichen, zeigen sich deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiter/innen: 41 Prozent der hauptberuflichen Mitarbeiter/innen sind der Ansicht, dass sich der Anteil der Arbeit von ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen verringert hat, nur 27 Prozent sprechen von einer Zunahme der Arbeit Ehrenamtlicher. Fragt man hingegen ehrenamtliche Mitarbeiter/innen geben diese eher einen Anstieg des Arbeitsanteils Ehrenamtlicher an (39 Prozent). Nur 28 Prozent sprechen von einer Verringerung des Engagements.

3. Reaktionsweisen der Verbände auf eine zeitliche Verdichtung
Trotz einer zumindest gelegentlichen (51 Prozent), häufig auch regelmäßigen (32 Prozent) Thematisierung der zeitlichen Verdichtung der Jugendphase in den Jugendverbänden, hat bislang nur gut ein Drittel der Verbände Ideen entwickelt, um mit daraus entstehenden Problematiken umzugehen. Nur knapp 14 Prozent der Jugendverbände haben diese Ideen bereits umgesetzt. Die Mitarbeitenden in der Jugendverbandsarbeit sind vielfach nicht bzw. noch nicht in der Lage, aktiv und gestalterisch mit den Veränderungsprozessen umzugehen und entweder innovative Strategien und Projekte umzusetzen oder sich auf politischer Ebene in gesellschaftliche Prozesse einzumischen. Häufig reagieren die Jugendverbände auf die Wandlungsprozesse noch mit »Notstrategien«, wie der Entlastung der Ehrenamtlichen durch hauptberufliches Personal, der Vereinfachung von Konzepten und der Verringerung der Voraussetzungen an ehrenamtlich Mitarbeitende.

Resümee
Die Ergebnisse der Studie »Keine Zeit für Jugendarbeit!?« spiegeln deutlich die Sicht der Jugendverbände wider, nach der Jugendliche wenig(er) zeitliche Ressourcen zur Verfügung haben, die sie in ehrenamtliches Engagement investieren (können). Jugendverbände spüren eine Verdichtung der Jugendphase zudem u.a. an Schwierigkeiten bei der Terminfindung, Veränderungen der Bedarfslagen Jugendlicher und an gewandelten Strukturen von Ehrenamtlichkeit. Konkrete Ideen oder Strategien, um mit daraus entstehenden Problematiken umzugehen, gibt es in den Verbänden allerdings bislang nur wenige.

Aus Sicht der Ehrenamtlichen, die sich im Jugendverband engagieren, sind ihre Verbandsaktivitäten grundsätzlich gut mit anderen Lebensbereichen zu vereinbaren. Sie fühlen sich allerdings häufiger – insbesondere, wenn sie sich in einem zeitlichen Umfang von mehr als fünf Stunden engagieren – durch ihre Verbandstätigkeit gestresst. In der Lebenswelt der Engagierten nimmt das ehrenamtliche Engagement im Jugendverband einen hohen Stellenwert ein und viele Befragte wären durchaus bereit, in größerem Umfang als bislang in der Verbandsarbeit tätig zu werden. Wie aber schafft man für diese Ehrenamtlichen, die sich in der Jugendverbandsarbeit engagieren wollen und dies auch im hohen Umfang tun, ihr Ehrenamt aber gleichzeitig mit Schule/Studium/Ausbildung vereinbaren müssen, geeignetere Bedingungen für ihr Engagement? Dies ist die Frage, die am Ende bleibt.

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* In dem Band : Lange, Mirja / Wehmeyer, Karin : Jugendarbeit im Takt einer beschleunigten Gesellschaft. Veränderte Bedingungen des Heranwachsens als Herausforderung«, der im Herbst 2013 im Juventa Verlag erscheint, werden die Befunde der Studie im Detail vorgestellt.

** Die Befragten konnten angeben : der Anteil der Arbeit… »hat sich verringert«, »ist gleich geblieben«, »hat sich erhöht« oder »kann ich nicht beurteilen«. Gefragt wurde nach den Arbeitsanteilen von Ehrenamtlichen, Hauptberuflichen, Honorarkräfte und den Arbeitsanteil im Rahmen von Freiwilligendiensten.

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Literatur:

Albert, Mathias / Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Gudrun: Jugend 2010. Frankfurt am Main 2010.

[BMFSFJ] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin 2013.

[BMFSFJ] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): 13. Kinder und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin 2009.

King, Vera / Busch, Katharina: Widersprüchliche Zeiten des Aufwachsens – Fürsorge, Zeitnot und Optimierungsstreben in Familie. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 7 Jhg., Heft 1/2012. S. 7–23.

Klemm, Klaus: Bildungszeit: Vom Umgang mit einem knappen Gut. In: Zeiher, Helga / Schroeder, Susanne (Hrsg.): Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten. Pädagogische Konsequenzen und zeitpolitische Perspektiven schulischer Zeitordnungen. Weinheim 2008. S. 21–30.

Lüders, Christian: Entgrenzt, individualisiert, verdichtet. Überlegungen zum Strukturwandel des Aufwachsens. In: Sozialpädagogisches Institut im SOS Kinderdorf e.V. (Hrsg.): SOS-Dialog 2007. Jugendliche zwischen Aufbruch und Anpassung. München 2007. S. 4–10. Abrufbar unter: http://static.sos-kinderdorf.de/statisch/spi/download/pdf/Heft2007/SPI2007_Dialog_01_Lueders.pdf.

Picot, Sibylle: Jugend in der Zivilgesellschaft. Freiwilliges Engagement Jugendlicher von 1999 bis 2009. Gütersloh 2011.

Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Frankfurt am Main 2005.

Seckinger, Mike / Pluto, Liane / Peucker, Christian / Gadow, Tina: DJI – Jugendverbandserhebung. Befunde zu Strukturmerkmalen und Herausforderungen. München 2009.

Sußebach, Henning: »Liebe Marie,«. In: DIE ZEIT, Heft 22/2011.

Zeiher, Helga: Für eine ungewisse Zukunft lernen. In: Zeiher, Helga / Schroeder, Susanne (Hrsg.): Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten. Pädagogische Konsequenzen und zeitpolitische Perspektiven schulischer Zeitordnungen. Weinheim 2008. S. 31–40.

Zeiher, Helga / Schroeder, Susanne (Hrsg.): Schulzeiten, Lernzeiten, Lebenszeiten. Pädagogische Konsequenzen und zeitpolitische Perspektiven schulischer Zeitordnungen. Weinheim 2008.