Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2012, Rubrik Vielfältige Jugendarbeit

Jugendverbände gegen Nazi-Strategien wappnen

Nazis nerven! Eine Buchvorstellung

Von Anna Brausam, mut-gegen-rechte-gewalt.de

Mit dem neu erschienenen Praxishandbuch »Nazis Nerven!« will die Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände Jugendleiter/innen ein nützliches Werkzeug für die tägliche Gruppenarbeit an die Hand geben, um gegen die Unterwanderung durch rechts-extreme Strategien gewappnet zu sein.

Neonazis versuchen in zunehmendem Maße in Jugendverbänden Fuß zu fassen, um den Wirkungskreis ihrer menschenverachtenden Ideologie zu vergrößern. Von dieser Nazi-Infiltration sind Gewerkschaftsgruppen genauso betroffen wie Jugendfeuerwehren, Sportvereine oder Pfadfindergruppen. Diese Unterwanderung geschieht jedoch meist nicht offensichtlich – sondern vielmehr auf eine sehr subtile Art und Weise: Die Rechten versuchen in den bereits bestehenden Gruppen der Jugendverbandsarbeit ihre menschenfeindlichen Positionen als »normalen« Teil des Meinungsspektrums zu etablieren. In diesem Kontext präsentieren sie sich als vermeintlich »zu diskutierende Variante des demokratischen Spektrums« und unterschlagen ihre tatsächliche autoritäre Überzeugung, jedwede Erscheinungsform von Meinungspluralismus zu bekämpfen.

Doch wie können Jugendverbände diesen Strategien von Rechts erfolgreich entgegentreten? Und wie können sie vor allem Jugendliche schützen? Mit diesen und anderen Fragen hat sich die Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände (AGfJ) intensiv auseinandergesetzt. Die Ergebnisse sind nun von Jan Jetter, dem ehemaligen Bildungsreferenten der AGfJ, in einem sehr lesenswerten Praxishandbuch zusammengefasst worden. »Nazis Nerven!« lautet der Titel und soll ehren- und hauptamtliche Jugendarbeiter/innen ermutigen, sich aktiv in ihrem Verbandsleben und ihren Gruppen gegen Rassismus, Antisemitismus und anderen ausgrenzenden Ideologien zu positionieren.

»RechtsRock ist eine Art ›Einstiegsdroge‹ zur NS-Szene«
In einem ersten Teil gibt das Buch einen Überblick zur Ideologie der Nazis. Dabei werden Begrifflichkeiten, wie zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus oder Volksgemeinschaft, verständlich für die Leser erklärt. Auch die verschiedenen Organisationsformen der Nazis – von der NPD bis hin zu Autonomen Nationalisten und Rechten Burschenschaften – werden eingehend beleuchtet. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie unterschiedlich die jeweiligen Strategien der Nazis aussehen, um Jugendliche für ihre rechten Organisationen zu gewinnen. »Eine Art rechter Lifestyle mit eigenen identitätsstiftenden Klamotten, Musik und Symbolen spielt dabei in der Verbreitung menschenfeindlicher Ideologien eine immer wichtigere Rolle«, heißt es in »Nazis Nerven!«. So gelangen Jugendliche oftmals über die Musik in die Neonazi-Szene: »RechtsRock ist eine Art ›Einstiegsdroge‹ zur NS-Szene, zumal mittlerweile fast jede Musikrichtung ihre Nazivariante hat: Ob National Socialist Hardcore (NSHC), nationaler HipHop, völkische Liedermacher, Nazi-Rock oder NS-Black Metal, in jeder Stilrichtung wird der Hass auf Andere verbreitet.« Einen immer wichtigeren Stellenwert nimmt aber auch bestimmte Kleidung innerhalb der Rechten Szene ein, um das Gefühl einer gemeinsamen Identität und Gruppenzugehörigkeit zu stärken. Im Buch werden unterschiedliche Klamottenlabel der Nazi-Szene, wie zum Beispiel Thor Steinar, vorgestellt. Anhand deren Logos und Szenecodes wird erklärt, welche Bedeutungen diese für die Rechte Szene haben.

Mit diesem Überblick über die Extremen Rechten möchte das AGfJ Jugendarbeitern wichtige Informationen über die Rechte Szene an die Hand geben: Zum einen, um Nazi-Strategien frühzeitig zu erkennen und somit rechtzeitig Maßnahmen dagegen ergreifen zu können; und zum anderen, rechter Propaganda mit einer fundierten Argumentationsbasis entgegenzutreten. »Gerade weil die Rechten oftmals mit Parolen, Halbwahrheiten, offenkundigen Lügen, nicht belegbaren Verschwörungstheorien oder pseudowissenschaftlichen ›Erkenntnissen‹ argumentieren, ist es sinnvoll, sich im Umgang mit solcherlei ›Argumentationen‹ zu schulen.«

Wie können sich Jugendverbände gegen Rechts wehren?
Rechtsextremismus darf im eigenen Verband nicht totgeschwiegen werden, argumentiert Jetter im zweiten Teil des Buches, sondern muss, wenn Tendenzen sichtbar sind, offen thematisiert werden. Ein fundiertes Wissen über die rechte Szene ist dabei eine Grundvoraussetzung. Eine Vielzahl von Ansätzen wird aufgezeigt, wie sich Jugendverbände in gemeinsamen Gruppenaktionen gegen Rechts wehren können. Die AGfJ organisiert beispielsweise jährlich die Veranstaltung »respekt* − gegen alltägliche gleichgültigkeit«. Bei diesen Aktionstagen werden in Zusammenarbeit mit dem Pfadfinderinnen- und Pfadfinderbund Nord verschiedene praktische und theoretische Workshops zum Thema Extreme Rechte, Rassismus und Antisemitismus angeboten. Ein unverzichtbarer Bestandteil ist dabei stets die Erinnerungsarbeit: »Das Erinnern an die NS-Verbrechen ist ein wichtiger Pfeiler im Kampf gegen den Faschismus, da durch das Erinnern die Vorstellung darüber erhalten bleibt, wie grausam, barbarisch und menschenverachtend der Faschismus ist, wenn er an der Macht ist«, schreibt die jüdische Musikerin und Holocaustüberlebende Esther Bejarano in ihrem Grußwort im Buch »Nazis Nerven!«.

Ein guter Einstieg in das Thema Umgang mit Extremen Rechten
Da das Praxishandbuch »Nazis Nerven!« vor allem dazu dient, Jugendarbeitern einen ersten Einstieg in das Thema ›Umgang mit Extremen Rechten‹ zu bieten, beinhaltet das Buch zusätzlich einen umfassenden Serviceteil. Hier finden sich sowohl Empfehlungen für weiterführende Literatur als auch Links zu Infoportalen gegen Neonazis und Methodensets. Abgerundet wird das Buch mit fünf konkreten Praxisvorschlägen für die Gruppenarbeit.

Alles in Allem ist ein sehr lesenswertes Buch entstanden, das Jugendarbeiter/innen mehr Sicherheit zum Umgang mit der Extremen Rechten geben kann. »Nazis Nerven!« stellt damit ein nützliches Werkzeug für die tägliche Gruppenarbeit dar. Denn in Jugendverbänden sollen Nazis keinen Platz haben. Folglich heißt das Motto: »Nazis Nerven! Bis sie selbst merken, dass niemand ihr menschenfeindliches Gedankengut braucht!«

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Buchinfo: Jan Jetter u. Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände in Hamburg (Hrsg): Nazis Nerven! Ein Praxishandbuch für Jugendleiterinnen und Jugendleiter zum Umgang mit der Extremen Rechten. 80 Seiten, DIN A 4, Eigenverlag 2012.

Bezug: AGfJ | mail@agfj.de | www.agfj.org | 2 € inklusive Porto

Quelle: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/buecher/jugendverbaende-gegen-nazi-strategien-wappnen-2012-04