Landesjugendring Hamburg e.V.
Heft 2-2026, Rubrik Rezensionen

Aufarbeitung Sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauchs im VCP und der DPSG

Zwei neue wissenschaftliche Studien über Fälle sexualisierter und spiritueller Gewalt innerhalb der Jugendverbände

Von Hannah Drewes, Christliche Gemeinde-Pfadfinder*innen

Im Januar 2026 veröffentlichte der Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) seine Aufarbeitungsstudie zu Fällen sexualisierter Gewalt zwischen 1973 und 2020 und leistete dadurch einen wertvollen Beitrag auf dem Weg zu einer betroffenengerechten Jugendarbeit. Das Forscher*innen-Team des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) und dem Institut für Bildung und Forschung (dissens) führten seit Oktober 2023 insgesamt 79 Interviews mit Betroffenen, Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern des VCP. 
Auch die Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) gab Ende 2023 eine unabhängiges Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in Auftrag. Im Februar 2026 wurden die Ergebnisse der Studie vorgestellt. Das Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg (UMR) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) untersuchte Vorkommen, Hintergründe und den Umgang der DPSG mit sexualisierter und spiritueller Gewalt seit 1929. 

Beide Verbände zeigen durch die in Auftrag gegebenen Studien eine Bereitschaft sich mit den Missständen in der eigenen Institution in Bezug auf den Schutz vor sexualisierter Gewalt auseinander zu setzten. Sie wollen Verantwortung übernehmen und ihre Augen nicht vor den Versäumnissen ihrer Verbände verschließen. In den Stellungnahmen der jeweiligen Bundesvorstände wurde den Betroffenen für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit gedankt, ohne die eine solche Erhebung nicht möglich gewesen wäre. Die Studien des VCP und der DPSG, sowie die bereits im März 2024 veröffentlichte Aufarbeitungsstudie des Bundes der Pfadfinder*innen (BdP) sollten von Jugendverbänden nun genutzt werden, um die eigenen Strukturen zu durchleuchten und aus den entdeckten Fehlern zu lernen.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Aufarbeitungsstudien?
Sowohl im VCP als auch in der DPSG wurde sexualisierte Gewalt zum Großteil durch Personen in Leitungspositionen verübt. Ebenso waren die Täter meistens erwachsene Bezugspersonen oder männliche Gruppenmitglieder. Auch Peergewalt, also sexualisierte Belästigung und Gewalt zwischen gleichaltrigen Personen, fand in beiden Verbänden statt.
Umfragen auf zwei Pfingstlagern der DPSG in den Jahren 2024 und 2025 ergaben, dass jede fünfte und bei weiblich gelesenen Mitgliedern jede dritte Person Erfahrungen mit verbaler und/oder körperlicher sexualisierter Gewalt gemacht hat. Neben schwerer, körperlicher sexualisierter Gewalt fand das Forschungsteam viele Fälle von Grooming in der DPSG. Grooming bezeichnet das strategische Anbahnen von erwachsenen Personen an minderjährige Kinder und Jugendliche mit der Absicht eine sexuelle Beziehung aufzubauen. 
Beide Forschungsteams konnten feststellen, dass mindestens 50% der Übergriffe auf Zeltlagern und Fahrten stattfanden. Begünstigt wurde dies vor allem durch fehlende Schutzräume für junge Verantwortungsträger*innen und Gruppenkinder sowie durch ein fehlendes Bewusstsein für die Gefahr von Machtmissbrauch durch Leitungspersonen. Wenn Betroffene versuchten innerhalb des Verbandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, so führte dies in vielen Fällen vor allem in der DPSG zum Ausschluss der betroffenen Person und hatte einen direkten und indirekten Täter*innen-Schutz zur Folge. 

Ein besonderer Risikofaktor, der von beiden Forschungsteams beschrieben wurde, sind die familienähnlichen Strukturen in der Pfadfinder*innen-Arbeit. Diese bieten jungen Menschen einerseits Halt und einen geschützten Raum außerhalb ihrer Familie, jedoch können diese Strukturen auch leicht ausgenutzt werden. Durch die familiäre Zuschreibung verschwimmen Machtasymmetrien und es entstehen leichter generationsübergreifende Gemeinschaften, welche von Täter*innen ausgenutzt werden können. Oft beschrieben Betroffene in der VCP-Studie das Gefühl von »Pfadfindersein über alles«, welches oft auch zu einer Vermischung zwischen Pfadfinderei und privatem Umfeld führt. Viele der Betroffenen hatten neben dem Pfadfinderumfeld keine vergleichbar engen sozialen Kontakte. Da Betroffene fürchten mussten, bei einer Meldung ihr komplettes soziales Umfeld zu verlieren, hatte dies einen negativen Einfluss auf die Meldefrequenz von Übergriffen.

In Fällen sexualisierter Belästigung und Gewalt war in beiden Verbänden häufig Alkoholkonsum und die damit verbundene Enthemmung ein verstärkender Faktor. Zudem wurde in beiden Studien das Risiko von Ritualen und Traditionen betont, insbesondere wenn diese nicht hinterfragt werden. In Teilen der DPSG war sexualisierte Gewalt fest in Traditionen und Strukturen verwachsen und wurde von Mitgliedern bagatellisiert und legitimiert. So berichteten Betroffene beispielsweise von sexualisierten Spielen und der Normalisierung von sexistischen und sexualisierten Äußerungen. 

Ein weiterer Risikofaktor, der sich in allen Pfadfinderverbänden wiederfinden lässt und von beiden Forschungsteams benannt wurde, ist die verfrühte Verantwortungsübernahme von jungen Menschen. Die ehrenamtlichen Strukturen der Verbände beruhen auf der Arbeit junger Menschen, denen schon früh Leitungspositionen aufgetragen werden. Die Forschenden der VCP-Studie betonten in ihrer Auswertung, dass diese frühe Verantwortungsübernahme dazu führen kann, dass sich Betroffene weniger häufig anvertrauen, da sie es gewohnt sind überfordernde Situationen allein zu meistern. Auch in der DPSG wird von einer strukturellen Überforderung von jungen Mitgliedern und Kindern berichtet.
Die strukturelle Überforderung, von der die Forschenden in der VCP berichten, wurde durch eine idealisierte Sicht der Pfadfinderei verstärkt. Eine vergeschlechtlichte Struktur, die Ideale wie Härte, Stärke und Heroismus als erstrebenswert darstellt und Zugeständnisse von Schwäche verurteilt, erschwert es Betroffenen sich anzuvertrauen. Auch in der DPSG wurde eine symbolische Überhöhung des Pfadfindertums beschrieben, welche jegliche Kritik als Verrat und als persönliches Versagen kategorisiert. In vielen Fällen sorgte diese Überschätzung der eigenen Belastbarkeit für eine verspätete Auseinandersetzung mit dem Erlebten und daher auch oft zu einer ausbleibenden Meldung der Übergriffe.
Zuletzt war auch die Verstrickung der evangelischen und katholischen Kirche ein Risikofaktor in beiden Verbänden. Zwischen VCP und evangelischer Kirche gab es unklare Zuständigkeiten bei der Zugehörigkeit zu beiden Institutionen. Da beide eigene Systeme für die Intervention bei Meldungen besitzen, fühlte sich keiner zuständig und so wurden Fällen oft gar nicht bearbeitet.  Im Fall der DPSG wurde vom Forschungsteam über eine fehlende Kooperationsbereitschaft der Bistümer berichtet. Einblicke in die Fallakten der katholischen Kirche wurden den Forschenden in einigen Fällen aktiv verweigert.

Abschließend lässt sich sagen, dass sich sowohl durch pfadfinder- als auch verbands-spezifische Strukturen schwerwiegende Risikofaktoren für sexualisierte Belästigung und Gewalt durch die Forschenden aufdecken ließen. Eine verfrühte und überfordernde Verantwortungsübernahme, durch familiäre Strukturen verschleierte Machtasymmetrien, ein problematischer Umgang mit Alkohol und eine teils nachteilige Verstrickung mit der Kirche konnten in beiden Verbänden entdeckt werden.

Was können andere Verbände aus den Aufarbeitungsstudien des VCP und der DPSG lernen?
Auch Jugendverbände, die nicht in der Pfadinder-Welt angesiedelt sind, können aus den Aufarbeitungsstudien des VCP und der DPSG lernen. Alle Jugendverbände sollten einen betroffenengerechten und -sensiblen Blick auf ihre Arbeit entwickeln. Konkret kann dies bedeuten:
• Schutzräume für jüngere (Leitungs-)Personen auf Zeltlagern und Fahrten sowie individuelle Entscheidung bei der Wahl des eigenen Schlafraums
• Klare Strukturen für die Meldung von sexualisierter Gewalt und Belästigung
• Einen kritischen Blick für asymmetrische Beziehungen auf allen Ebenen
• Reduktion der Überforderung von – vor allem – jungen Leitungspersonen
• Aufbrechen und Lösen von patriarchalen Idealvorstellungen, die Schwäche verurteilt
• Strukturelle Veränderungen mit der Hilfe von (externer) Expertise
• Aufbrechen von problematischen und schädlichen Traditionen und Ritualen
• Ausbau der Primärprävention (z.B. regelmäßige und weitreichende Schulungen)
• Kritische Auseinandersetzung mit Alkoholkonsum im Verbandskontext und alkoholfreie Räume auf Zeltlagern und Veranstaltungen

Die Prävention vor und Intervention bei sexualisierter Gewalt sind ein nicht-endender Prozess, der sich jederzeit weiterentwickeln muss. Jugendverbände sind es ihren Mitgliedern und vor allem den Betroffenen in ihren Verbänden schuldig, ein funktionales System für die Meldung und Aufarbeitung von Fällen zu entwickeln. Danke an den VCP und die DPSG für ihre Beiträge zu einem besseren Verständnis von Täter*innenstrukturen und dem Mut, ihre Verbände kritisch durchleuchten zu lassen. Es ist nun an uns, die Erkenntnisse aus den Aufarbeitungsstudien in unsere Jugendverbände zu tragen und daran zu arbeiten, diese zu sicheren Orten für alle Kinder, Jugendlichen und Mitgliedern zu machen.

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Die Studien

Johanna Hess, Peter Caspari, Franziska Behringer und Bernard Könnecke, Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder seit 1973, Abschlussbericht, Berlin / München, Januar 2026
Download unter: https://vcp.de/pfadfinden/wp-content/uploads/2026/01/Aufarbeitungsbericht_VCP.pdf 

Sabine Maschke, Ludwig Stecher, Tim Heinmöller und Kati Schipmann, Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg, Marburg / Gießen, Februar 2026
Download unter: https://dpsg.de/sites/default/files/2026-02/260203_projektbericht_aufarbeitung_dpsg_finale_druckfassung_2026-02-03.pdf