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Königskinder

Serie WirkungsStätten: die Schachelschweine, der etwas andere Jugendverband am Schachbrett

von Bianca Gerlach, Hamburg

Zug um Zug heißt es an 200 Tagen im Jahr, wenn die Schachelschweine in Lerchenfeld Springer, Könige und Bauern über die Bretter schieben und das Hamburger Umland auf ihren Reisen erobern. Sie setzen auf ein altes Spiel im jungen Gemeinschafts-Gewand.

Schach:
Stundenlang sitzt man fast bewegungslos, schiebt Figuren über das Feld, schweigt, hockt vor dem Quadrat. Ein langweiliges Spiel, etwas für Denksportgenies vielleicht oder für Leute, die viel Zeit haben. Alles nur eben kein Kinderspiel.
Falsch! Bei den Schachelschweinen gehört das Königsspiel zum Freizeitprogramm. Die Schulschachgruppe existiert seit 1956 und hat sich den weiß-schwarzen Feldern verschrieben. Gegründet wurde der Verein SG Schachelschweine am Gymnasium in Barmbek. Seit einem Jahr jedoch treffen sich die Kinder und Jugendlichen am Gymnasium in Lerchenfeld, weil ihre alte Schule im Zuge der Hamburger Schulreformen geschlossen wurde. Einen Teil der Turnhalle dürfen sie deshalb jetzt hier nutzen. Die Ex-Sportstätte wurde sogar extra für die Bedürfnisse der Schachliebhaber umgebaut. Ein neuer Boden und zahlreiche Tische wurden angeschafft, neue Lampen sorgen nun für ausreichend Licht. Mehrere Kellerräume gehören ebenfalls dazu, eine geräumige Küche, ein Büro, ein gemütlicher Aufenthaltsraum mit ausrangierten Sofas und ein hölzerner Kickertisch und natürlich viele Tische, mit vielen Karo-Spielbrettern – die an diesem Abend allerdings vergeblich zum Gefecht laden.
Heute sind Chips, Flips, Salate in Plastikschüsseln, U2 und Juli die Protagonisten des Abends. Noch. Einmal im Jahr organisieren die SGler, wie sich die der Verein abkürzt, eine Sommerfete mit Büffet und Programm. Etwa mit Tomate-Mozarella-Happen und dem Fackelblitzturnier, einem Spiel auf Zeit in entspannter Atmosphäre und umgeben von lodernden Wachslichtern. Also doch kleine Besserwisser-Jugendliche? Mit Schachbrett unter dem Arm, statt Turnschuhen an den Füßen? Nein! Anna Hillberg, 18 Jahre alt und derzeit die Erste Vorsitzende erklärt: »Wir sind kein Leistungsschachverein, uns geht es um den Breitensport, um das gemeinsame Erlebnis.« So sieht man an normalen Tagen in den Kellerräumen und der ehemaligen Turnhalle nicht nur rauchende Kinderköpfe, aufrechte Schüler am Stuhl klebend, mit Holzfiguren in der Hand – sondern Kids am Kicker, in der Küche beim Pizza-Backen, in den Sofapolstern am Gackern. Zwei Mal in der Woche finden allerdings auch zweistündige Trainingseinheiten für die Kleinen statt. Doch auch diese Treffen mit sechs bis acht Kindern in der Gruppe sind ebenfalls keine Theorie verstaubten Strategieeinheiten, sondern es wird getobt, gelacht, Schachregeln sind nahezu nebensächlich. Ernsthafte Partien sind dennoch fast immer Teil der Mittwoch- und Freitag-Nachmittage zwischen 16 und 18 Uhr. »Wir sind ja keine strengen Erwachsenen, sondern vermitteln den Spaß am Spiel, machen Scherze und lachen viel« beschreibt Anna das Konzept, das Kids für das Brett begeistern soll. »Und letztlich haben Kinder einfach den Ehrgeiz zu gewinnen, wie bei jedem anderen Spiel auch«, ergänzt sie weiter.

Geleitet werden die Trainingsstunden von älteren Schülern des Vereins. Ab der 9. Klasse darf man bei den Schachelschweinen untere Stufen betreuen. Auch einige Ehemalige sind dabei, wie Türkan Gür, 23 Jahre alt, einst Erste Vorsitzende, inzwischen Lehramtsstudentin und noch immer mit einer Schwäche für König und Springer. Sie kommt, um den Kleinen Training im Schach zu geben und den Großen in Organisationsfragen zur Seite zu stehen. »Ich bin total gerne hier«, sagt sie, »man trifft alte Freunde, das ist toll.« Die Älteren sind hier gern gesehen, treffen sich in den gemütlichen Räumen immer dienstags zum Seniorentag auf eine Partie. Die Leitung, Organisation und sämtliche Vorstandsaufgaben sind aber in Hand der Jugendlichen. Darauf legen die Schachelschweine viel Wert: »Wir sind ein Jugendverein, da sollte man dann auch gehen, wenn man zu alt wird. Diese Philosophie wollen wir beibehalten«, erläutert sie weiter.

Neue Mitglieder werben sie direkt in den fünften Klassen an. Die Schule haben sie dabei auf ihrer Seite, für die Schachgruppe wird extra eine Stunde im Lehrplan eingeplant. Nach dieser Schnupper-Trainingseinheit bleiben jährlich etwa 20 Schüler dabei. Auch sonst sind die Brettliebhaber beliebt. Die Bildungs- und Sportsenatorin Alexandra Dinges-Dierig ließ sich für den Verein begeistern, war bereits zum 50jährigen Jubiläum des Vereins Ehrengast und unterstützt die Schüler seitdem großzügig und gerne. Die Räume dürfen kostenlos genutzt werden, gelegentlich werden Fördergelder bewilligt – in der Regel für Spielmaterial, allein die Schachuhren kosten pro Stück rund 30 Euro. Alles Weitere organisieren die Jugendlichen in Eigenregie, halten die Räume in Schuss, malen selbst, etwa den roten Rundbogens über dem Kickertisch.

Etwa 120 Mitglieder zählt der Verein, davon 30 Prozent Mädchen – eine ungewöhnlich hohe Zahl bei einer Sportart, die eher als männlich gilt. Es ist die Gruppe, die überzeugt. Die Wert darauf legt, dass nicht nur der Kopf trainiert wird, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl. Türkan etwa kam erst in der 9. Klasse zum Schach: »Meine Freundinnen waren im Verein und haben immer von den Treffen geschwärmt und kannten total viele Leute in der Schule, standen in der Pause mit den höheren Jahrgängen. Das hörte sich einfach toll an«, so die heute 23jährige.

Besonders stolz sind die Schachelschweine auf den Ehrgeiz der Jugendlichen, selbst Verantwortung zu übernehmen. So hat der Verein die höchste Dichte an Jugendleitern von allen Hamburger Jugendgruppen, heißt es. Von den 120 Mitgliedern haben ca. 40 Jugendliche das »Juleica«-Zertifikat. Jedes Jahr machen etwa acht bis neun Schüler diesen Jugendleiterschein, und als Anna ihre Fortbildung zum Übungsleiter machte, waren 18 andere SGler dabei. »Man wird hier ganz automatisch zum Ehrenamtlichen«, erläutert sie die Motivation, sich ausbilden zu lassen. »Sorgen, dass eines Tages niemand ein wichtiges Amt übernehmen will, haben wir sowieso nie. Es finden sich immer Freiwillige, alle haben Spaß daran«, sagt Anna. Obwohl solche Ämter nicht gerade einfach sind. Als Schachwart hinge man eigentlich nur am Telefon, wäre nur am Organisieren und den Job der Ersten Vorsitzenden, wie sie selbst zugibt, mache man auch nie länger als zwei Jahre: »Das erste Jahr braucht man, um alles zu lernen, das zweite, um alles besser zu machen und im dritten hat man dann keine Lust mehr«, erzählt sie schmunzelnd über ihre verantwortungsvolle Position.

Nicht nur das wöchentliche Training in den Keller- und Gynmastikräumen sorgt für die Zusammengehörigkeit. Auch mehrere Reisen stehen im Jahr auf dem Programm. Kleinere Wochenend-Touren führen mit dem Fahrrad raus aus Hamburg, 30 Kilometer weit durch Niedersachsen nach Steinhorst. Die »Mutter der Reisen«, wie die Fahrt in den Herbstferien genannt wird, geht ins Umland der Hansestadt. Für etwa 180 Euro fahren sie dann mit dem Charter-Bus nach Kappeln zum Beispiel oder Hameln. Tagsüber tobt man im Wald, abends rätselt man zu »Wer wird Millionär« und setzt auf »Wetten Daß« und übernachtet dann in Jugendherbergen. Der Reise fiebern jedes Jahr alle im Verein entgegen. Die 40 bis 60 Kids wegen der Gaudi, die Jugendhalbleiter wegen der Herausforderung. »Man wird zum Glück nicht allein gelassen. Man fängt bereits als junges Mitglied schon an, kleinere, leichte organisatorische Aufgaben zu übernehmen. Und hat immer Ältere, die bei kniffligen Fragen helfen«, so Anna. Und erzählt weiter, wie sehr ihr die Fahrten selbst immer Spaß gemacht haben. So sehr, dass ihre Eltern sie nach der Rückkehr einen Tag lang nicht mehr ansprechen durften.

Ein weiteres Highlight sind die internationalen Turniere. Seit bereits 30 Jahren. Einmal folgten bereits 80 Mannschaften á 4 Teilnehmer plus Begleiter der Einladung in die Hansestadt. Ein Großevent. Das diesjährige findet am 16. und 17. September statt. Für dieses Mal haben die Schach-Kids ihre Ausschreibung auf Englisch, Spanisch, Französisch und Türkisch übersetzt, deutsche Schulen im Ausland angeschrieben hoffen unter anderem auf Zusagen aus der Türkei, wo sie vor kurzem an einem Turnier teilgenommen haben. Die riesige Veranstaltung fordert Organisationstalent. Erstmalig ist die Anreise bereits vor dem offiziellen Turnierstart geplant. Die Kinder und Jugendlichen bieten diesmal nicht nur die Begegnung am Brett, auch Hamburg soll erkundet werden, etwa per Stadtrundtour und Drachenbootfahrt. Übernachtet wird entweder umsonst mit dem Schlafsack im Klassenzimmer, sonst gegen Bezahlung in der Jugendherberge. Vor Königszug und Springer-Sprint wird morgens zusammen gefrühstückt. Das Startgeld von 20 Euro soll die meisten Kosten decken. Für den Rest sucht der Verein Sponsoren. Fest zugesagt hat bereits Coca-Cola. 150 Liter Softgetränke sind den Brettspielern sicher. »Wir suchen eigentlich aber noch mehr«, erzählt Anna. Eine schwierige Aufgabe: »Wir schreiben 30 bis 40 Firmen an – und einer beißt an«, sagt sie weiter. Etwas, dass den Schachelschweinen selbst nicht fehlt: der Biss.

Kontakt: Villa Finkenau | Finkenau 42
22087 Hamburg | www.schachelschweine.de