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Kaisers Kleider 2.0

Eine Polemik

von Dr. Edmund Weitz, Hamburg

Das hier, das ist der Herr O'Reilly. Herr O'Reilly ist ein Verleger, also einer, der Bücher macht und die verkauft. Herr O'Reilly schreibt die Bücher nicht selbst, dann wäre er ja ein Schriftsteller. Stattdessen läßt Herr O'Reilly Bücher von Schriftstellern schreiben und gibt ihnen dafür Geld. Dann druckt er die Bücher und verkauft sie an Buchhandlungen für noch mehr Geld. Die Differenz zwischen dem, was die Schriftsteller bekommen, und dem, was die Buchhandlungen bezahlen, ist der Gewinn. Und weil ziemlich viele Schriftsteller für Herrn O'Reilly arbeiten und der ziemlich viele Bücher verkauft hat, ist Herr O'Reilly auch ziemlich reich.



Auf den meisten Büchern von Herrn O'Reilly sind lustige Tierbilder drauf. Aber die Bücher handeln gar nicht von Tieren und sind meistens auch gar nicht lustig. Eigentlich geht es bei den Büchern von Herrn O'Reilly immer um Computerprogramme und was man mit denen so machen kann. Klingt komisch, ist aber so.
Weil Herr O'Reilly sich gut mit Computerprogrammen auskennt, weiß er, daß die Leute, die vor den Computern sitzen, immer gerne neue Programme haben, auch wenn sie diese gar nicht brauchen. Das wissen auch die Leute, die solche Programme verkaufen, und darum bringen sie oft neue Programme heraus, damit die, die vor den Computern sitzen, sie kaufen können.
Wenn man es genau nimmt, sind diese neuen Programme meistens gar nicht neu. Sie machen das, was das alte Programm vorher auch gemacht hat. Aber wenn man Glück hat, machen sie es schneller oder lauter oder bunter. Oder sie können neue Sachen machen, die das alte Programm nicht konnte. Braucht man eigentlich nicht, ist aber irgendwie doch toll.

Damit auch jeder merkt, daß das neue Programm neu ist, braucht es natürlich einen neuen Namen. Andererseits soll es aber irgendwie auch so wie das alte Programm heißen, damit die Leute, die vor den Computern sitzen, es wiedererkennen und verstehen, daß es neben den tollen neuen Sachen auch immer noch die tollen alten Sachen kann, derentwegen sie im letzten Jahr das alte Programm gekauft haben.

Gar nicht so einfach, dafür eine gute Lösung zu finden. Aber die Leute, die Computerprogramme schreiben, sind schlau und haben sich daher die Sache mit den Versionsnummern ausgedacht. Ihr erstes Programm nennen sie zum Beispiel »Büro 1.0«, und das zweite (das alles viel schneller und lauter und bunter kann) heißt dann »Büro 1.1«. Und wenn im nächsten Jahr wieder ein neues Programm rauskommt, dann nennen sie das »Büro 1.2« undsoweiter. Und wenn sie dann mal ein Programm geschrieben haben, das nicht nur die alten Sachen schneller und bunter und lauter kann, sondern auch noch ganz viele neue Sachen dazu, dann nennen sie es »Büro 2.0«.

Zurück zu Herrn O'Reilly. Für den ist es natürlich toll, wenn ständig neue Versionen von alten Programmen rauskommen und verkauft werden. Denn dann läßt er einen seiner Schriftsteller ein dazu passendes neues Buch schreiben, und die Leute, die das neue Programm gekauft haben, schmeißen ihr altes Buch (das für das alte Programm) weg und kaufen von Herrn O'Reilly das neue Buch. Toll.

Herr O'Reilly verkauft aber auch Bücher, in denen was über das Internet steht. Und das hat ihn wohl immer so ein bißchen gewurmt, weil das Internet ja nicht so ein Programm ist, das von irgendeiner Firma verkauft wird und von dem es ab und zu mal eine neue Version gibt, über die man dann ein neues Buch schreiben kann.

Aber dann hat Herr O'Reilly eine ganz tolle Idee gehabt. Er hat einfach behauptet, das Internet sei jetzt ganz neu und hat das neue Internet »Web 2.0« genannt. Er hat ein paar Konferenzen gemacht, auf denen über dieses »Web 2.0« geredet wurde, und überraschenderweise kamen da ganz viele Leute, die mit ihm über das »Web 2.0« reden wollten. Keiner wußte so richtig, was das sein sollte, aber Herr O'Reilly und andere Verleger hatten auf einmal einen Grund, ganz viele neue Bücher rauszubringen. Und die Leute, die Computerprogramme schreiben, konnten von all ihren Programmen neue Versionen verkaufen, weil die jetzt ja auch mit dem Web 2.0 funktionieren mußten. Und die Leute, die Zeitungen machen, konnten viele neue Artikel schreiben, in denen sie versuchten, ihren Lesern zu erklären, was das Web 2.0 eigentlich ist. So richtig erklären können sie das natürlich nicht, weil es das Web 2.0 ja eigentlich nur im Kopf von Herrn O'Reilly gibt, aber gemerkt hat das bisher keiner.

So oder so ähnlich stelle ich mir einen Beitrag in der Sendung mit der Maus zum Thema »Web 2.0« vor. Natürlich hat es den bisher nicht gegeben. Und leider findet man auch im Rest der Medienwelt, seien es die guten alten Printmedien, Fernseh- und Radiobeiträge oder Online-Artikel, wenig kritische Hinterfragungen des Begriffs und der damit verbundenen Erwartungen. Natürlich wird man immer den einen oder anderen Rufer in der Wüste finden (einer von Ihnen ist übrigens Tim Berners-Lee, der »Erfinder« des Web), aber die große Mehrheit der professionellen und nicht professionellen Autoren scheint sich darauf geeinigt zu haben, daß es in den letzten zwei, drei Jahren eine technische Revolution gegeben hat, die weitreichende (und überwiegend positive) Auswirkungen sozialer und ökonomischer Art hat.

Betrachten wir also zunächst einmal den technischen Aspekt. Es gibt keine einheitliche Definition dafür, was das »Web 2.0« ausmacht, aber man wird immer wieder über Schlagwörter wie »Ajax«, »Blog«, »Wiki«, »RSS« oder »Web Service« stolpern. Nun, keine dieser Techniken ist in Relation zum Alter des Web (das es ja in der heutigen Form erst seit 1991 gibt) wirklich neu. Die ersten Vorläufer von Ajax (nur der Name selbst ist erst zwei Jahre alt) gab es bereits 1996. Blogs (Online-Tagebücher) gab es schon vor dem WWW, sogar der Begriff »Weblog« stammt aus dem Jahre 1997. Das erste Wiki war 1995 online, Amazon und Google boten vor mehr als fünf Jahren Web Services an, etc.

Es ist nun sicherlich so, daß einige dieser Techniken länger brauchten, bis sie so ausgereift und allgemein anerkannt waren, daß sie weitere Verbreitung (zunächst bei den Anbietern und dann bei den Nutzern) fanden. Und es mag sein, daß sie alle ungefähr zur gleichen Zeit (sagen wir mal vor knapp drei Jahren) »marktreif« wurden und daß dies zu einer Zeit geschah, in der inzwischen eine kritische Masse von Internetnutzern in den westlichen Industriestaaten »breitbandig« online ging, wodurch datentransferintensive Web-Applikationen erst einsetzbar wurden. Trotzdem wäre das alles zusammen immer noch eher ein quantitativer als ein qualitativer Sprung. Es sei denn, diese technischen Neuerungen hätten wirklich ursächlich ökonomische und soziale Umwälzungen nach sich gezogen. Haben sie das?

Wenden wir uns der ökonomischen Seite zu. Zwangsläufig muß man an dieser Stelle den großen Crash von 2000/2001 (»Dot-com bubble«) erwähnen. Die Lehre aus diesem Desaster, das alle westlichen Finanzmärkte signifikant traf, läßt sich kurz und etwas zynisch wohl so zusammenfassen: Man kann mit dem Internet nicht so schnell und so leicht Geld verdienen, wie viele (bis zum Jahr 2000 wohl fast alle, die involviert waren) gedacht haben - im Endeffekt klappt das nur mit Werbung und Pornographie. (Einige wenige Ausnahmen wie z.B. Amazon und eBay bestätigen da eher die Regel.) Etwas drastischer beschreibt es das folgende Zitat: »Es war wie beim Goldrausch am Klondike: Richtig Geld gemacht haben nur die Nutten und die, die die Schaufeln verkauft haben.«

Ist nun, sechs Jahre später, alles anders? Eher nicht. Es scheint wieder einen - wenn auch etwas geringer dimensionierten - Goldrausch zu geben. Wieder wechseln Websites, die noch keinen Cent verdient haben, für Phantasiebeträge die Besitzer, ohne daß abzusehen ist, ob sie jemals schwarze Zahlen schreiben werden. Neu ist, daß sich diesmal sich alle einig sind, daß sie mit Werbung Geld verdienen wollen. (Pornographie gilt in den Kreisen der Risikokapitalgeber rund ums Silicon Valley wohl als eine nicht ganz so stubenreine Variante des Geldverdienens. Immerhin.) Völlig neu ist auch der Inhalt dieser neuen Werbeträger, pardon, Websites. Sehr prägnant hat dies kürzlich ein anonymer Internetbewohner mit dem Pseudonym »jwb« zusammengefaßt: »You make all the content, they keep all the revenue.«

Etwas feiner ausgedrückt heißt das, daß man eine »Online-Community« gründet, deren Mitglieder die jeweilige Website befüllen, in dem sie selbsterstellte (oder manchmal auch geklaute, aber das ist eine andere Geschichte) Inhalte hochladen und durch »Tags« semantisch markieren und miteinander vernetzen, seien es Photos (z.B. »Flickr«), Filmchen (z.B. »YouTube«), Bookmarks (z.B. »del.icio.us«), Links (z.B. »reddit«) oder Tagebucheinträge (z.B. »Blogger«). Die aktiven (also Content generierenden) Nutzer dieser Websites dürften dabei häufig dem jeweiligen Dienst sogar dankbar sein, weil dieser ihnen inklusive Speicherplatz und Bandbreite kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Tatsächlich sind sie aber kleine Hamster im großen Laufrad, die dabei mithelfen, ein komplexes Netzwerk aus individualisierten Zieldaten zu kreieren, das für die Werbewirtschaft von unschätzbarem Wert ist.

Selten wurde dies deutlicher als im Oktober 2006, als Google YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar kaufte. Google hatte zu diesem Zeitpunkt nämlich längst einen nahezu identischen Dienst namens »Google Video« im Angebot, der sicherlich technisch gleichwertig, wenn nicht sogar besser war. Dummerweise kam er wohl ein paar Monate zu spät, so daß die (werberelevante) »Community« sich schon bei YouTube gebildet hatte. Und diese hat Google gekauft - die technische Infrastruktur und das Know-How von YouTube dürften hingegen bei der Aushandlung des Kaufpreises völlig unwesentlich gewesen sein.

Spätestens jetzt werden einige Leser anmerken, daß dies doch gar nicht das oder jedenfalls nicht das einzige ökonomische Modell des »Web 2.0« sei. Da gäbe es doch noch die ganzen »Kleinen«, denen das Web 2.0 ermögliche, aus den Web Services der »Großen« fix sogenannte »Mashups« zu bauen, mit denen auch sie ihren Teil vom Kuchen abbekommen könnten. Das ist technisch wohl korrekt, aber mir zumindest ist bisher kein Fall bekannt geworden, in dem das auf diesem Wege erzielte Betriebsergebnis signifikant über dem Niveau einer durchschnittlichen Ich-AG lag. Es mag sein, daß man mithilfe der von eBay, Amazon oder Yahoo veröffentlichten Programmierschnittstellen für Internetshops nun auch außerhalb des eigenen Landkreises Kunden für seine selbstgestrickten Topflappen findet, aber am Ende des Tages verkauft man dann doch immer noch selbstgestrickte Topflappen ...

Wenn es also auch ökonomisch im Westen nichts wirklich Neues gibt, so bleibt zum Schluß die Frage, ob es denn in den letzten Jahren (ob man den Zeitraum nun am Begriff »Web 2.0« festmachen will oder nicht) im Internet erwähnenswerte soziale Entwicklungen gegeben hat. Die bereits genannten werberelevanten »Communities«, in denen Videos von Weltrekorden im Nasebohren (»YouTube«), Photos vom letzten Urlaub auf Mallorca (»Flickr«) oder Mitteilungen darüber, wo man gerade einen Döner gegessen hat, (»Twitter«) ausgetauscht werden, gehören sicher nicht in diese Kategorie, jedenfalls nicht auf die Haben-Seite.

Aber zumindest im nicht-kommerziellen Bereich hat es einige durchaus bemerkenswerte Entwicklungen gegeben, von denen hier exemplarisch Wikipedia (das es übrigens bereits seit dem Jahre 2000 gibt) genannt sei. Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt, aber es entsteht etwas, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hat. Und etwas, das es ohne das Internet (nicht das »Web 2.0«) nicht geben könnte.

An einem Projekt wie Wikipedia kann man erkennen, daß das Internet ein einzigartiges und in dieser Art qualitativ völlig neues Medium zur Kommunikation und Kooperation von Individuen und Gruppen über quasi beliebige Entfernungen hinweg ist. Eigentlich war es das schon immer (sogar schon bevor es das Web 1.0 gab), aber erst seit relativ kurzer Zeit gibt es eine genügend große Anzahl von Nutzern und eine »Benutzeroberfläche«, die auch Nicht-Technophilen eine selbstverständliche, alltägliche Nutzung ermöglicht.

Man kann soziale Probleme nicht mit rein technischen Mitteln lösen (eine Fehleinschätzung, die gerade in IT-Kreisen weit verbreitet ist), aber die Technik kann (manchmal) sehr effiziente Werkzeuge zur Verfügung stellen, mit denen man Dinge erreicht, die vorher unmöglich erschienen. Das Internet kann zweifelsohne ein solches Werkzeug sein. Und wenn sich zwischen Werbung und Pornographie einige Inseln bilden, in denen Menschen tatsächlich und über das Banale hinausgehend kommunizieren, diskutieren und kooperieren, dann könnte mit einiger Verzögerung doch noch das wahr werden, von dem die Pioniere des Internet vor vierzig Jahren (lange bevor Ende der 90er Jahre das Big Business das Web entdeckte) mal geträumt haben. Das darf man dann von mir aus auch »Web 2.0« nennen ...


(Der Text folgt auf Wunsch des Autors der deutschen Rechtschreibung 1.0)